Helen Wolff: Hintergrund für Liebe (Weidle Verlag)

Hintergrund für Liebe von Helen Wolff ist ein heiter flirrender Liebesroman aus fernen Zeiten, als das Reisen noch möglich und ein Abenteuer war – und die Côte d’Azur, die zwar bei manchen schon als „mondäne Allerweltsküste“ galt, immer noch gut für Entdeckungen war. Der Roman aus dem Jahr 1932 ist selber auch eine Entdeckung, denn die Autorin hatte ihn jahrzehntelang verschwiegen. Beim Weidle Verlag hat man ihn zum Sprechen gebracht.

Die Liebesgeschichte zwischen dem älteren weltgewandten Mann und der jungen klugen Frau dauert schon eine ganze Weile, aber nun wird sie auf eine neue und aufregende Probe gestellt: Die beiden verreisen, machen eine lange Autofahrt in den Süden Frankreichs, wollen auch den ganzen Sommer dort bleiben. Er will ihr so viel zeigen, und sie will endlich nicht nur kurze Stunden mit dem Geliebten verbringen, sondern ausgiebige Tage und Nächte:

Wir haben Mahlzeiten zusammen genommen, Musik zusammen gehört, miteinander getanzt, Gespräche geführt, und gestritten und auch geliebt. Aus vielen Stunden bist Du mir vertraut, aber wie Du beim Rasieren aussiehst, das weiß ich nicht. Ich kenne nicht Deine Vormittagslaune und Dein Schweigen bei der Arbeit, ich kenne nur Deine Ausnahme, nicht Deine Regeln. Diese Reise soll uns in Gemeinsamkeit führen, wie wollen noch andere Abenteuer bestehen als bisher. Wir fordern uns nicht mehr heraus zum kleinen Krieg und zum kleinen Frieden, wir wagen uns an den großen Drachen, der jeder Tag heißt und die Höhle jede Nacht bewohnt.

So beginnt dieser beobachtungsstarke Roman: Mit einer großen Fahrt, einem schönen Aufbruch. Sie träumt von einem kleinen Häuschen zu zweit, er will ins bequeme und luxuriöse Hotel. Beides wird das Paar erleben, aber zwischen mondänem Hotel und einfachem Haus liegen nicht nur Welten, es vergeht auch viel Trennungszeit: Sie wird stark durch unverhoffte Selbstständigkeit, und am Ende bringen Zufälle die beiden Liebenden wieder und besser zusammen. Wobei er zu Beginn gar kein großer Liebender, sondern eher ein egoistischer Genießer ist. Er umgibt sich gerne mit Menschen, lässt sich bewundern und flirtet mit schönen Frauen, er setzt im Spielcasino alles auf eine Karte – und sie ist dabei und fühlt sich fehl am Platz. So hatte sie sich diese Reise nicht vorgestellt.

Weil sie klug und mutig ist, verlässt sie den Mann, reist alleine weiter und findet durch Zufall nicht nur das Ferienhaus ihrer Träume, am Ende erkennt der Untreue auch endlich, dass er nur sie wirklich will.

Helen Wolff hat viel Autobiografisches in diesen liebesklugen Sommerroman einfließen lassen. Wie ihre Heldin hatte sie mit Anfang zwanzig eine Affäre mit ihrem knapp zwanzig Jahre älteren Chef, dem großen Verleger Kurt Wolff. In dem ausführlichen und kenntnisreichen Essay ihrer Großnichte Marion Detjen lernen wir die junge begabte Helene Mosel kennen, die unter prekären finanziellen Verhältnissen aufwächst, als Kindermädchen arbeitet, schließlich für wenig Geld eine Anstellung im berühmten Kurt Wolff Verlag bekommt, dort bald mit Übersetzungen und Lektoraten betraut wird – und die heimliche Geliebte des noch verheirateten, in der Münchner Gesellschaft angesehenen Mannes wird. Mit ihm wird sie die Welt kennenlernen, erst Vergnügungsreisen unternehmen und schließlich ins Exil gehen. Das Paar heiratet 1933 in London, betreibt kurze Zeit in Italien eine Pension und schifft sich in letzter Minute mit dem kleinen Sohn nach Amerika ein. Dort gründen die beiden den Verlag, ohne den die deutschsprachige Nachkriegsliteratur nie in den Vereinigten Staaten bekannt geworden wäre. Nach dem Tod ihres Mannes 1963 wird Helen Wolff ihn allein weiterführen.

Dass sie eine großartige Verlegerin war, das wusste man, dass sie als junge Frau aber auch eine begabte Autorin war, das hatte sie geheim gehalten. Nach ihrem Tod 1994 fand der Sohn die Manuskripte in ihrem Nachlass mit dem Hinweis, er solle entscheiden, ob er sie verbrennen oder veröffentlichen wolle.
Zum Glück entschied sich die Familie nicht fürs Vernichten, denn dieser Roman über den „Hintergrund für Liebe“ entwirft nicht nur das Bild einer Feriengesellschaft kurz bevor alles zusammenbricht, vor allem erzählt er von den Grundfesten der Liebe: dass nämlich zwei nur eins sein können, wenn beide einzeln jemand sind. Und – dass Frauen sich nicht kleinmachen dürfen. Das galt damals wie heute.

Dank an Manuela Reichart
(gekürzt, Originalbeitrag auf rbb Kultur; Foto Prosag-Media)

  • Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Roman mit einem Essay von Marion Detjen zum Hintergrund des Hintergrunds. Bonn: Weidle Verlag 2020. 216 Seiten. 20 Euro

 

 

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