Hotlistkandidat 2020! Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders (cass verlag)

„Ich habe mehr Menschen am Leben gelassen, als ich umgebracht habe.“ Dass es dem pensionierten Veterinär Byongsu Kim, der mittlerweile im Lyrikkurs der örtlichen Volkshochschule seine über Jahrzehnte unentdeckten Serienmorde künstlerisch zweitverwertet, nicht an Gerissenheit und Routine mangelt, liegt auf der Hand.
Dennoch wackelt das Vorhaben, noch einmal zur Tat zu schreiten, gewaltig. Das liegt an der Diagnose, die ihm der Arzt mit ernster Miene verkündet hat: fortschreitende Demenz. Im mörderischen Plan, dem anderen Killer das Handwerk zu legen, der neuerdings in der Nachbarschaft sein Unwesen treibt und es obendrein auf Kims Tochter abgesehen hat, wird diese zum immer größeren Störfaktor. Der Serienmörder muss zuschlagen – „bevor ich vergesse, wer er ist“.

Mit diesem ungewöhnlichen Plot entspinnt sich bereits auf den ersten Seiten des Romans Aufzeichnungen eines Serienmörders von Young-ha Kim (cass verlag) eine Steilvorlage, deren Fäden mit so heißer Nadel zu einem Kunstwerk gestrickt werden, dass man nur staunen kann, was auf 150 Seiten möglich ist: Da ist der demente Ich-Erzähler, der durchaus schlüssig seine Welt betrachtet, dessen Zuverlässigkeit aber mit Fortschreiten der Handlung mehr und mehr in Frage gestellt werden muss und gleich einer pathologischen Studie tiefe Einblicke ins nebulöse Geistesleben eröffnet. Gleichzeitig dehnen Rückblenden in die Vergangenheit und Geschehnisse in der Gegenwart kontinuierlich den Spannungsbogen, sodass sich der Krimi kaum noch aus der Hand legen lässt. Der kommt dabei gänzlich ohne Klischees und Unappetitliches aus. Vielmehr sind die kurzen Absatz-Häppchen gespickt mit Komik und philosophischen Betrachtungen, in denen, ohne dabei ein überflüssiges Wort zu verlieren, große Themen abgehandelt werden. „Vielleicht ist der Tod ein Glas Schnaps, das man kippt, um das belanglose Bankett namens Leben zu vergessen.“

Young-ha Kim, der 1968 als Sohn eines südkoreanischen Offiziers geboren wurde und durch eine Kohlenstoffmonoxidvergiftung die Erinnerungen an seine ersten zehn Lebensjahre verloren haben soll, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und gilt als einer der wichtigsten koreanischen Autoren der Gegenwart. Dass die Brillanz seiner Erzählweise, die durch Einfachheit besticht, auch im Deutschen funkelt, verdankt sich der Übersetzung von Inwon Park.

Dank an Lucia Schöllhuber

  • Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Aus dem Koreanischen von Inwon Park. Bad Berka: cass verlag 2020. 152 Seiten, gebunden. 20 Euro.

 

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