Caca Savic: Teilchenland (Verlagshaus Berlin)

Ein Lied aus Unterbrechungen
oder: die Verfremdung in Partikeln zählen
(Notizen zu Caca Savics Teilchenland)

Caca Savics erster Lyrikband Teilchenland (erschienen im Frühjahr im Verlagshaus Berlin, DEM Independent Verlag für schillernde Werke der Lyrik plus Illustration) ist der gelungene Versuch, Sprache und ihre Grenzen zu kartografieren, die Sollbruchstellen zwischenmenschlicher Kommunikation zu beschreiben. Was auf den knapp 70 (und von Nina Kaun wunderschön illustrierten) Seiten passiert, ist eben nicht der – vom lyrischen Ich diagnostizierte – „Triumph vorangegangener Migrationsmetaphern“, die Texte sind vielmehr ein Triumph über diese, denn die Autorin findet zahllose neue und eindringliche Bilder für das weite Thema „Fremdsein“.

Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert, obris („Umriss“), utopija („Utopie“), tjelo („Körper“) und iluzija („Illusion“). Nicht zufällig werden Umriss und Körper, werden Utopie und Illusion gegenübergestellt, als Gegenpole inszeniert. Vom ersten Text weg geht es um das Animalische von Sprache und die Gewalt, die von ihr ausgeht: „drängst dich orchestral in meinen Namen“, „steinigst mir die Zunge“, „lässt mich Tiere weiden, in einen reissenden Strom zwingen“. Schon nach wenigen Seiten wird klar: Die Sprache in Savics Gedichten ist eine körperliche, da werden Sätze gehäutet und die Wörter müssen mehr als nur einmal Federn lassen.

Die Wirklichkeit als eine ungenaue Skizze und Sprache: das sind die unscharfen Linien, die auf den ersten Blick alles zusammenhalten, bei genauerer Betrachtung aber als notdürftige Nähte erscheinen, kurz vorm Aufplatzen. In den Texten wird die Sprache selbst als unzuverlässiges Gehege entlarvt. Und es geht um die Frage, was bleibt, wenn die Zäune versagen, wenn die eigene Sprache mit voller Wucht auf eine zweite prallt: „übrig bleiben Ersatzteile“ und „ein blutiger Rest im blinden Misstrauen“.

Was also passiert mit der eigenen Sprache, wenn sie zusehends durch eine andere, was passiert mit dem eigenen Körper, wenn er zusehends durch einen anderen verdrängt wird? Das lyrische Ich, selbst „unmissverständlich gestrandet“, notiert: „die neue Sprache sollte ich bereits können“, und muss mit einer Kreidestimme schummeln und kaschieren, die eigenen Sätze tarnen, um Dazugehörigkeit zu simulieren. Sprache wird zu einem Spiel, aber der Tisch, über den die Karten geschoben werden müssen, ist lang und breit, und die Regeln scheinen sich ständig zu verändern.

Viele der Texte in Teilchenland beschäftigen sich auch mit der Frage nach dem Umgang mit der eigenen Herkunft. Das lyrische Ich pflegt „die familiäre Station“, es denkt „in Archiven“, aber was man dort findet, ist eine „von jeher fehlerhafte Aufzeichnung“. „Kalenderblätter halten Versammlungen ab“, die schwache Hoffnung, dass Ziffern vielleicht mehr Klarheit schaffen als Buchstaben, und schließlich wird das lyrische Ich „wortlos auf 1 reduziert“, ein Warten auf das Ende der Missverständnisse durch die Reduktion auf einen bloßen Binärcode.

Eindringlich wird so auch der schmerzhafte Prozess des Sprachenlernens beschrieben: „die Kerbe wird zum Kanal“, oder: „tief angesetzte Schürfrechte jenseits der Notwendigkeit von Archäologie“. Aber es wäre schade, Teilchenland nur unter diesen Gesichtspunkten, ausschließlich als Sammlung von (überaus gelungenen) „Migrationsmetaphern“ zu lesen. Denn zusätzlich (und nicht weniger eindringlich) wird die Brutalität zwischenmenschlicher Kommunikation thematisiert. Das Gegenüber findet „indiskrete Wege“ sich in das lyrische Ich hineinzuzwängen, die Wörter dringen „wie Röntgen“ ein und hinterlassen Spuren, ähnlich einer Brandrodung. Der Autorin gelingt es, diese Abgründe, die sich in ganz harmlosen Gesprächen auftun können, zu versprachlichen, und die Bedrohung, die von ihnen ausgeht, aufzuzeigen. Zurück bleibt ein zerrissenes, ein aufgerissenes Ich: „Nähte sind kein Ersatz für Schiffstaue“.

Wenn Sprache ein „Lied aus Unterbrechungen“ ist, dann schafft es Caca Savic mit Teilchenland sowohl die einzelnen Töne als auch die Pausen dazwischen auf einer Landkarte einzuzeichnen, einen Atlas zu erstellen für das, was wir unvorsichtig, fast schon leichtfertig „Kommunikation“ nennen, und diesen mit Warnhinweisen zu versehen: für die darin vermuteten Minen. Nicht alle davon Blindgänger.

Dank an Martin Peichl
(Text und Fotos)

  • Caca Savic: Teilchenland. Gedichte mit Illustrationen von Nina Kaun. Berlin: Verlagshaus Berlin 2020. 70 Seiten. 17,90 Euro.

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