Jana Volkmann im Gespräch

Zwischen Wien und Bratislava spielt Auwald, der zweite Roman der in Wien lebenden Autorin Jana Volkmann, frischest erschienen im Verbrecher Verlag. In seinem Zentrum steht Judith, eine junge Tischlerin, die Holzarten am Geruch erkennt, so viele Splitter unter der Haut hat, dass sie meint, sie selbst bestünde zu einem gewissen Teil aus Holz. Sie lebt mit ihrer Partnerin Lin zusammen – bis sie eines Tages aufbricht und mit dem Schiff die kurze Strecke von Wien nach Bratislava fährt. Sie solle dringend einmal freinehmen, Urlaub machen, so wollte es Judiths Chef.

Judith liebt das Alleinsein. Sie macht einsame Spaziergänge und wirkt eher wie eine Beobachterin des Lebens als eine, die es lebt und genießt. Was sie genießt, ist ihre Arbeit.
„Akribie war eins der großartigsten Worte, die sie kannte“ – sie kann sich vollständig in einen Gegenstand, den sie bearbeitet, hineinversenken und in ihm aufgehen.
Nun also ein Urlaub. Alleine. Der Zufall entscheidet, dass Judith nach Bratislava fährt. Die Fähre bringt sie in ein anderes Leben. Sie tritt die Rückfahrt nicht an, auch diese Entscheidung traf der Zufall. Doch sie verlässt Bratislava in Richtung Wien, in ihrem Rucksack ist alles, was sie braucht. Geld hat sie keines mehr, das braucht sie im Wald, am Fluss, in den Auen und Schwemmwiesen auch nicht.

Petra Lohrmann: Frau Volkmann, auch in Ihrem Vorgängerroman Das Zeichen für Regen (Edition Atelier 2015) verlässt eine junge Frau ihre Stadt, um an einem anderen Ort neu anzufangen. War es dort die Studentin Irene, die nach Kyoto geht, um als Zimmermädchen in einem Hotel zu arbeiten, ist es in Auwald die Tischlerin Judith.
Welche Bedeutung hat das Weggehen für Sie? Kann ein Mensch wirklich neu anfangen, trägt er sein altes Leben nicht immer weiter mit sich? Ist Judiths Rucksack, der längere Zeit fertig gepackt darauf wartet, „dass seine Zeit bald käme“ ein Symbol für die Bereitschaft, stets aufbrechen zu können? Zugleich der Hinweis: das bisherige Leben kommt mit? Und ist der Moment, in dem sie den Rucksack ganz ablegt ein Zeichen, dass nun die alte Judith transformiert wurde?

Jana Volkmann: Ich bin nicht sicher, ob sich das pauschal beantworten lässt. Mein erster Impuls ist zu sagen: sich selbst kann man ganz offensichtlich nicht entkommen, nicht der eigenen Biografie, der Familienbiografie, der Geschichte, der Sozialisation, dem genetischen Code. Das grandiose Scheitern solcher Versuche sieht man vermutlich im heutigen Tourismus ganz gut, in den „Gehäusefahrten“ der Gegenwart, wo man statt dem Fensterglas einer Kutsche eine mentale Käseglocke um sich herum hat. Gleichzeitig finde ich es – nicht zuletzt literarisch – wichtig, das große, manchmal beängstigende Potenzial zur Veränderung anzuerkennen, das in den Menschen steckt. Und ich denke, was das angeht, sind Ortswechsel nicht zu unterschätzen.

Zufälle spielen eine große Rolle in Ihrem neuen Roman. Judith erscheint weniger als die Gestalterin ihres Lebens als eine Figur, die sich dem Fließen hingibt – ihrer Bewegung an der Donau entlang, der Zeit, die zunehmend bedeutungslos wird, den Begegnungen unterwegs. Man könnte sagen, sie lässt sich treiben – und doch ist Judith keine passive Figur. Sie erscheint jederzeit als beherrscht und bewusst. Ist das für Sie ein Widerspruch oder ergibt sich das ganz selbstverständlich aus einer Art Dualität des Lebens?

Das ist eine gute Beobachtung. In der Tat ist Judith beides: selbstbestimmt-eigensinnig, aber auch immer sofort dabei, wenn sie Entscheidungen nicht selbst fällen muss. Für mich ist das Interessante dabei, dass dem auf tieferer Ebene schon eine viel grundlegendere Entscheidung vorausgegangen sein muss, nämlich die, nicht alles selbst bestimmen zu wollen. Es ist daher eine bewusste, aus meiner Sicht ungeheuer emanzipierte Art der Selbstaufgabe. Im Roman gibt es beides: Momente, wo sie sich Kontingenzen und Zufällen hingibt, und welche, in denen sie aktiv als Entscheiderin auftritt. Das mag ein Widerspruch sein, aber dann nur, weil solche Widersprüche zum Menschsein gehören, zum menschlichen Denken und Fühlen.

Während der erste Teil des Romans aus der Perspektive eines Erzählers Judiths Denken und Handeln von außen beschreibt, ist der zweite Teil aus der Sicht Judiths verfasst.
Sie geht am Fluss entlang. Sie verlässt die Zivilisation, begibt sich in unwegsames Gelände, droht, in Löcher zu fallen oder im Schlamm zu versinken. Die Zeit verliert ihre Kontur, Geräusche und Gerüche sind ihre Gefährten.

Auch in Wien war Judith lieber alleine als in Gesellschaft, selbst zu ihrer Freundin Lin bestand immer eine Distanz, aber nun, im Auwald, ist sie völlig auf sich gestellt. Als Leserin blicke ich nicht mehr auf die Protagonistin, sondern sehe die Welt durch ihre Augen. Was hat Sie dazu veranlasst, die Perspektive zu ändern? Das ist ungewöhnlich, erscheint aber völlig natürlich und konsequent.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was es gerade für Erzählerinnen bedeutet, „ich“ zu sagen. Dabei habe ich viele Anstöße aus der Literatur bekommen, der Essayistik, natürlich auch aus der feministischen Theorie – ein wesentliches Buch war zum Beispiel der autofiktionale Roman I Love Dick von Chris Kraus, bei dem sich das Nachdenken über weibliche Subjektwerdung ganz großartig und radikal auch in der erzählerischen Form spiegelt. Für mich hängt das, im Roman ja auch, stark mit den Eigennamen der Figuren zusammen. Im ersten Teil ist Judith noch Judith, im zweiten fällt ihr Name nicht mehr. Namen haben ein sprachzauberisches Potenzial, das mich sehr fasziniert.

Der Ort wechselt von der Großstadt Wien, gefolgt von einer sehr kurzen Zeit in Bratislava, in den riesigen Wald an der Donau entlang. Judith kommt mit ihrer Umgebung erstaunlich gut zurecht. Sie findet Nahrung, Wasser, friert nicht. Und doch befindet sie sich in einem ‚Dazwischen‘. Zwischen den Städten, zwischen ihrem alten und neuen Leben, sie bezeichnet sich an einer Stelle als „Interimstier“, fühlt sich also nicht mehr vollständig als Mensch. Sehen Sie das Leben als einen permanenten Schwebezustand an? Ist es der Gedanke der Moderne, dass nichts mehr sicher ist, oder ist diese Schwebe auch eine notwendige Offenheit als Voraussetzung für das gelingende Leben?

Für mich ist dieser Schwebezustand ganz grundsätzlich erst einmal eher eine Sache der Postmoderne als der Moderne – Postmoderne als Zeitalter der großen Indifferenz, der Veränderungen und Modifikationen. Ich denke aber, dass derartige Schwellen zwischen Altem und Neuem nicht zwingend auch Beliebigkeit bedeuten, sondern ganz im Gegenteil auch ähnlich wie ein Durchgangszimmer in einer Wohnung funktionieren können: um von A nach B zu gelangen, muss man durch einen Raum hindurch, der weder A noch B ist und keinen Buchstaben trägt. Da bin ich im Denken nah bei Walter Benjamin, der viel über die Schwelle geschrieben und sie nicht einfach als eine Grenzlinie zwischen Orten begriffen hat, sondern als einen Passagenraum.

Im Wald begegnet Judith einem Hund. Dieses Kapitel beginnt wie ein Traum, vielleicht ein Wachtraum. Es endet damit, dass der Hund, den sie Herr Bossmann nennt, sie zu einem kleinen Haus führt, sie gehen hinein, sie bleiben. Aus der Fantasie wird Realität.
Der Hund scheint ein Vorbote der Zivilisation zu sein, Vorbote auch seines Besitzers, der nach einigen Tagen auftaucht, wieder verschwindet, zurückkehrt. Seiner Besucherin ein Brot mitbringt, ihr Zigaretten gibt, mit ihr schweigt. Sie sein lässt.

Für mich schwingen einige Märchenelemente mit in Ihrem Roman, unter anderem ist es dieses Häuschen im Wald, das jedoch nicht von einer Hexe bewohnt wird, sondern von einem Mann, der zu einem Komplizen Judiths wird. Der Wald als Ort des Mysteriösen, das Wasser als Element des Unsicheren – sind Sie eine Liebhaberin von Märchen? Auch in dem Sinne, dass in diesen alten Geschichten Urgründe der Seele aufbewahrt werden?

Es gibt tatsächlich vieles, das mir an Märchen gefällt: dass sie so kollektiv erzählt werden, gewissermaßen „niemandem gehören“; auch die oft düsteren Wendungen, die sprechenden Tiere, die überbordenden Möglichkeiten. Bei den Seelengründen bin ich mir nicht sicher, dafür sehe ich die Jung’sche Schule der Psychoanalyse einfach zu kritisch.

Judith kommt schließlich nach Wien zurück, das nicht mehr das Wien ist, das sie kennt. Es ist nicht klar, wie lange sie weg war, aber die Stadt scheint ihr Leben angehalten zu haben, als Judith sie verlassen hat. Am Burgtheater werden keine neuen Stücke beworben. Die Tafel, auf der immer stand, was am Abend gespielt wird, zeigt noch immer das Stück des Tages an, an dem ich von hier weggegangen bin.
Wien ist in eine große Krise geraten. Geschäfte sind geschlossen, die, die noch geöffnet sind, haben ein sehr begrenztes Angebot. Die Tram fährt nicht mehr, sogar die Fiakerpferde haben frei.

Sehen Sie unsere Zivilisation und Kultur – bis hin zum Handwerk, denn Judith fragt sich, ob überhaupt noch Tischler gebraucht werden – im Niedergang begriffen?

Nein, um die Zivilisation mache ich mir wenige Sorgen. Die Stelle, als Judith das sagt, ist eine Momentaufnahme aus der Zeit, als Wien sich bereits verändert hat und viele Geschäfte geschlossen sind – eine Passage, die vielleicht ein stückweit vorwegnimmt, was kurz darauf viel diskutiert wurde, nämlich die Frage nach der „Systemrelevanz“ bestimmter Berufsgruppen.

Dem Roman ist ein Prolog vorangestellt, in dem Judith sich in einer Höhle versteckt. Draußen ist ein Suchtrupp mit Hunden unterwegs. Sie kriecht tiefer in die Höhle hinein, entkommt durch einen schmalen Spalt, öffnet ein Gitter und steht auf einer Wiese:

… auf der Wiese wurde wieder ein Mensch aus ihr, welcher, wusste sie noch nicht. Nichts roch so gut wie diese Landschaft, die sich nicht darum scherte, dass sich ein paar hundert Meter weiter ein gewaltiger Riss in der Wirklichkeit offenbarte. Hier gab es niemanden, nur sie. Also gab es niemanden.

Landschaft bzw. Umgebung, Mensch und Wirklichkeit: dieser Dreiklang wird in Auwald grandios durchgespielt. Es ist ein mutiger Roman, der Akribie und Fantasie vereint, der es wagt, Dinge in der Schwebe zu lassen, Transformationen durchzuführen, Rätsel nicht aufzulösen.

Abschließend möchte ich auf die beiden letzten Sätze des obigen Zitats zurückkommen: „Hier gab es niemanden, nur sie. Also gab es niemanden.“
Ein Gedanke, der an Odysseus‘ List denken lässt, mit der er auf den Zyklopeninseln sein Leben rettet. Bedarf es manchmal einer solchen List, um zu überleben? Oder wird man nur im Zusammensein mit anderen Menschen zu einer vollständigen Person?

Das ist ein toller Vergleich, der mich sehr freut. Ich muss bei der Sache mit Odysseus und den Zyklopen immer an den Werbeslogan des Optikers Niemand in Berlin-Charlottenburg denken, wo ich meine erste Brille gekauft habe: „Niemand sorgt für besseres Sehen“. Super! Ich halte das, was Sie beschreiben, gar nicht für einen Widerspruch – durch Odysseus’ List, sich als „niemand“ auszugeben und so die Zyklopen zu täuschen, rettet er ja nicht nur sich selbst, sondern auch ein paar seiner Genossen. Man kann also niemand sein und trotzdem Gemeinschaft, oder Komplizenschaft, brauchen und finden, dafür ist Odysseus vielleicht sogar das beste, tragischste Beispiel. Wenn Judith sich auf andere einlässt, tut sie das unbedingt und mit großer Hingabe, wenn auch nicht im gewöhnlichen Sinn. Ich denke etwa an ihre Verbundenheit zu dem Mann, der sie bei sich aufnimmt. Und ebenso zu den nicht-menschlichen und nicht-ganz-menschlichen Figuren im Roman. Zu einer vollständigen Person macht einen selbst das nicht, aber die ist man vermutlich nie.

Liebe Frau Volkmann, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Natürlich auch Dank an Petra Lohrmann!
(Fotos © Jana Volkmann)

  • Jana Volkmann: Auwald. Berlin: Verbrecher Verlag 2020. 184 Seiten, Hardcover. 20 Euro

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