Jens Wonneberger: Mission Pflaumenbaum (Müry Salzmann Verlag)

Jens Wonnebergers Roman Mission Pflaumenbaum (2019) spielt dreißig Jahre nach der Wende irgendwo im Niemandsland des deutschen Ostens, in einem Dorf, eine Autostunde von einer Großstadt entfernt. Dorthin begibt sich der Mitte/Ende fünfzigjährige Bibliothekar Kramer, ein Mitdemonstrant der Friedlichen Revolution, für ein Wochenende zu seiner Tochter Tine. Sie lebt mit Mann und Katze in einem Haus mit Garten und versucht in dieser Umgebung, ihren Traum vom ursprünglichen Leben zu verwirklichen.

Kramer kommt mit dem Bus an und wird von einem Mann namens Rottmann angesprochen. Der Alte entpuppt sich als einer, der die Dorfgeschichte kennt, und von Tatsachen zu berichten hat. Er ist eine doppeldeutig angelegte Figur, zwischen Chronist und Wutbürger schwankend, überhaupt kein Sympathieträger, aber in seiner Rolle als Führer durch das Dorf und die Zeiten wiederum interessant.
Er erzählt Kramer einen Teil der Dorfgeschichte, noch bevor Kramer das Haus Tines erreicht. Auch am nächsten Tag wird er ihn treffen – Rottmann ist der Unausweichliche, und Kramer stellt erstaunt über sich selbst fest, dass er bald Ausschau nach ihm hält.

Rottmann berichtet vom Selbstmord des Fabrikbesitzers beim Einmarsch der sowjetischen Soldaten 1945, vom Niedergang der örtlichen Weberei, vom Zerfall der „Stipendie“, einer Ansammlung ehemaliger Arbeiterhäuser. Gelegenheit auch über die Asylsuchenden zu schimpfen, die bald dort einquartiert werden sollen.
Er knurrt über die Rolle der Treuhand und den Ausverkauf der demokratischen Idee, bemängelt, dass der momentane Bürgermeister zwar die Schule verkommen lässt, dem Herrn Rechtsanwalt (einer aus dem Westen natürlich), der nun in der Fabrikantenvilla wohnt, aber eine schöne Straße asphaltieren ließ.

Parallel dazu erzählt Jens Wonneberger, geboren 1960, heute in Dresden lebend, die Vater-Tochter-Beziehung. Diese ist distanziert bis schwierig. Tine lebte nach der Trennung ihrer Eltern bei der Mutter, die es bis zur Landtagsabgeordneten gebracht hat. Kramer selbst entschied sich gegen eine Karriere, sieht diese Entscheidung im Rückblick aber selbst als ein Abtauchen vor der Verantwortung.
Tine ist Anfang dreißig, Sozialwissenschaftlerin, aber nicht berufstätig. Ihr Mann, ein gut verdienender Informatiker, meint, sie habe es doch nicht nötig zu arbeiten.

Konflikte überall also. Jens Wonneberger erzählt die Geschichte von außen auf seine Figuren blickend sehr nüchtern und rational. Dabei macht er durch kleine Hinweise deutlich, wie sehr es unter der Oberfläche brodelt, wie unglücklich Tine ist, wie ihr Mann sich hinter einem „Projekt“ versteckt, wie Kramer zwischen der alten und neuen Zeit hängt – und vor allem, wie einer nach dem anderen merkt, dass er oder sie Sätze von sich gibt, die Rottmann gesagt haben könnte. Rottmann der vermutliche Pegida-Anhänger, nicht Rottmann der Ortskundige.

Angeregt durch Rottmann beginnt auch Kramer zu erzählen:

Ich meine es ernst, sagte Kramer, ein Hauch von Anarchie lag über allem, der alte Staat war zusammengebrochen, und wir waren bereit, etwas wirklich Neues aufzubauen …
Doch so sehr er seiner folgenden Erzählung über die damaligen Ereignisse eine ehrliche Begeisterung beizugeben versuchte, wuchsen seine Zweifel, ob all das heute noch mitteilbar war.

Der Roman ist zugleich konkret, die Dinge benennend, und zurückhaltend, sich einer Bewertung enthaltend. Dies bewirkt, dass sich viele Fragen erst nach der Lektüre einstellen, eine erste und schnelle Beurteilung überdacht werden will.

Jens Wonneberger ist ein leiser Erzähler, der sehr geschickt und kunstvoll das Zusammentreffen dreier Generationen herbeiführt, um aus verschiedenen Perspektiven auf die Gegenwart zu schauen – auf die Situation der einzelnen Figuren, auf die des Landes und auf das, was sich womöglich zusammenbraut. Mission Pflaumenbaum (2019) ist der dritte Roman nach Goetheallee (2014), der von Wonneberger im Salzburger Verlag Müry Salzmann erschienen ist.

Die Mission Pflaumenbaum? Sie weist in die Zukunft …
und steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. Wir gratulieren!

Dank an Petra Lohrmann
(Foto Couleur)

 

  • Jens Wonneberger: Mission Pflaumenbaum. Salzburg: Müry Salzmann 2019. 192 Seiten, gebunden. 19 Euro

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