Auf der Hotlist 2020: Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung (weissbooks.w)

Schlachthof und Ordnung von Christoph Höhtker ist kein Drogenroman. Dabei spielt Marazepam, ein unglaublich potentes und vielfältig wirksames Benzo-Präparat, die Hauptrolle. Ohne ihre Maras würden die handelnden Personen nicht so agieren, wie sie es tun.

Im Jahr 2022 hat Marom500, so der Produktname der am höchsten dosierten Pille in westlichen Ländern, die Macht übernommen. Der Wirkstoff ist angstlösend, euphorisierend, macht die Menschen produktiver, aber bereits nach der ersten Einnahme sind sie süchtig. Viele nehmen es, von der Terroristin bis zum Manager, signifikante Ausnahme:ein uralter Arzt, als junger Arzt an der Ostfront tätig, der wie die ledrigen Figuren der alten Rechten einfach nicht stirbt.

Das Personal in Schlachthof und Ordnung ist chic und kaputt. Journalismus, mittleres Management – wir sehen eine Gesellschaft auf Drogen, industrielle Fleischproduktion und soziale Brennpunkte. Dieser Roman verhält sich wie die dunkle Literatur des Bürgertums seinen Figuren gegenüber amoralisch. Das Buch des Exil-Bielefelders und Wahl-Schweizers Höhtker ist Gesellschaftskritik ohne Didaktik.

Schlachthof und Ordnung handelt von einer zynischen Gesellschaft, deren Individuen sich selbst wie Dingen gegenübertreten, die man manipulieren kann – um besser zu arbeiten, sich besser zu fühlen, zu funktionieren. Zugleich ist das Buch aber auch eine gewagte politische Satire, die, wie man hört, von neuen Rechten schon für sich reklamiert wurde. Das kann man allerdings nur, wenn man sehr selektiv liest. Da gibt es Neonazis in Positionen des höheren Managements des deutschen Ablegers eines amerikanischen Unternehmens und die hellsichtige Bemerkung, der Osten habe längst die Hegemonie übernommen. Und es gibt die satirische Beschreibung einer esoterischen linksterroristischen Gruppe, welche die pluralistische Demokratie als derzeit zu unterstützender Gesellschaftsordnung begreift, aber es auch für angezeigt hält, möglichst viele Neonazis in ihren östlichen Habitaten mit der Waffe auszulöschen.

Wir sind dabei größtenteils im Kopf des erfolglosen Autors Joachim A. Gerke (genial gewählter durchschnittlicher deutscher Mittelklassename). Der Autor Gerke kommentiert an einer Stelle: „Dieser Text ist okay. Mehr als das: Der Text ist gut. Leute in verschiedenen Situationen. Junge Erwachsene im Job und privat, dazu eine Tablette, die kurz vor der Machtergreifung steht. Ausgezeichneter Stoff, wenn man mich fragt. Das Leben, so wie es spielt. Existenzen. Handlung, Charaktere, Humor – alles souverän gemischt.“ Stimmt auch, was der Autorenprotagonist da über seinen Autor sagt.

Christoph Höhtker arbeitet mit Shortcuts, raschen Blickwechseln auf unterschiedliche Figuren und deren innere Monologe, wir wandern rasant durch viele Köpfe. Geschickt komponiert sind die Realitätslevels, die ineinander geschachtelten Textebenen. Auf Level 0 der Autor Gerke, der über einen Journalisten (Level -1) schreibt und auf Level -2 Figuren, von denen nur seitens anderer Figuren die Rede ist, die aber nie auftreten, wie die Frau des Doktors, die einst ein KZ bewachte, später mit friedensbewegten jungen Leuten auf dem Kirchentag Lieder sang.
Die Sprache des Romans ist Abbild einer globalisierten Welt, die immer disparater und polyphoner wird. Es sprechen viele Menschen unterschiedliche Sprachen, die sofort die Milieus und Klassen verraten, aus denen sie kommen.

Was Höhtker nicht tut, ist einen Stil verflogen. Er widme sich dem Spielerischen, sein Projekt nenne er „unterhaltende Avantgarde“, sagt er. „Das ist ein Buch voller Gags. Ich habe mich totgelacht, was da für schrottige Idioten drin rumlaufen.“ Christoph Höhtker muss nicht vom Schreiben leben, deshalb macht er, was er will.
Schlachthof und Ordnung ist eine krasse Satire auf unsere Gegenwart, ein experimenteller, popliterarisch gewandt gemachter Roman. Er liest sich wie ein luzider Traum, ein Trip – sogartig und bestechend. Nach 400 Seiten dann der Cold Turkey.

Dank an Nora Zukker und Ulrich Gutmair
(Foto Emilian Danailan)

  • Christoph Höhtker: Schlachthof und Ordnung. Zürich: weissbooks.w 2020. 409 Seiten, gebunden. 24 Euro

 

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