Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht (avant-verlag)

Mit viel Humor und gut recherchierten Hintergründen wirft die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist in ihrem neuen Buch Ich fühl’s nicht einen gnadenlosen Blick auf das Thema Liebe im Spätkapitalismus.

Leichtfüssig wie wir sie bereits aus den Büchern Der Ursprung der Welt oder I’m every woman kennen, montiert die studierte Politikwissenschaftlerin dabei eine tiefgründige Comic-Collage bestehend aus Kernaussagen verschiedener wissenschaftlicher Positionen, historischen Rückblenden und einem illustren Figureninventar von Kierkegaard über Schlaubi Schlumpf bis Leonardo DiCaprio.

An dem Schauspieler entspinnt sich so auch konkret das Dilemma, um das es in der schwarz-weiß gehaltenen Graphic Novel geht: Ganz anders, als der von ihm gemimte Jack in der Romanze Titanic, führt Leonardo DiCaprio im echten Leben kurze Beziehungen mit ausschließlich blonden Models (am liebsten für Bademode), die auch über die Jahre gleichbleibend Anfang zwanzig sind. Nach kurzer Zeit kommt es zur einvernehmlichen Trennung, die nächste Badenixe ist am Zug.

Wer sich dabei an Arthur Schnitzlers Reigen erinnert fühlt, irrt aber gewaltig. War das 1896 von Schnitzler gezeichnete Sittenbild noch imstande, einen der größten Theaterskandale im 20. Jahrhundert auszulösen, so scheint das Muster schnell wechselnder Liebesbeziehungen heute Usus. Ein Trend, den auch die Popularität von ausgeklügelten Apps wie Tinder und Co belegt. Hauptkennzeichen: überschaubare Emotionalität. Strömquist beschreibt Hollywoodstar DiCaprio gar „wie eine lauwarme Herdplatte, die das Wasser nie richtig zum Kochen bringt“.

Doch was ist da wann und wie eigentlich schiefgelaufen? Diesen gesellschaftlichen Wandel in der Wahrnehmung und Bedeutung von Liebe beantwortet Strömquist in Ich fühl’s nicht in beeindruckend vielgleisiger Manier mit klarem Befund: Kapitalistisches Konsumverhalten hat längst auch Einzug in unsere Liebesbeziehungen gehalten. Sie konstatiert: „Wir sind alle DiCaprio.“

Das Kaleidoskop, das sie einem dazu in Form ihres Comics vor Augen hält, fokussiert einmal auf die „Konjunktur der rationalen Wahl“, schwenkt dann auf die „Neudefinition von männlichem Erfolg“, zoomt auf die „Entzauberung der Welt“. Um uns ihre Erklärungen darzulegen, huschen abwechselnd etwa die Soziologin Eva Illouz, der Philosoph Byung-Chul Han und der Psychoanalytiker Erich Fromm durchs Bild. Daneben drehen sich Dönerspieße und hüpfen verliebte Delfine gen Sonnenuntergang. Man sieht den Druiden Miraculix, der ewig in seinem Topf rührt, während er die Frau, die ihn bereits auf Knien um eine Reaktion anbettelt, keines Blickes würdigt. Diesem unorthodoxen Arrangement von Fakten, Bildern und spitzen Kommentaren, die die Erzählerin punktuell einstreut, verdankt sich die Komik dieses Buches, das sich, allen Widerständen zum Trotz, als ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Liebe liest.

Für das Cover der deutschen Ausgabe posierte die Autorin selbst in eigens und von Hand genähter Jacke einer schwedischen Textilkünstlerin, die die erste Seite des Comics zeigt. Der Band reiht sich damit trefflich ins schön gestaltete Programm des Berliner avant-Verlags, der seit bald zwanzig Jahren Comics und Graphic Novels publiziert, die moderne Grafik, Kunst und Literatur verbinden. Das Buch wurde in die Vorauswahl der Hotlist 2020 gewählt.

Dank an Lucia Schöllhuber

  • Liv Strömquist: Ich fühl’s nicht. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Berlin: avant-verlag 2020. 176 Seiten, kartoniert. 20 Euro.

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