Jaime Begazo: Die Zeugen (KUPIDO Literaturverlag)

Dieser hochinteressante und sehr gelungene Kurzroman Die Zeugen des peruanischen Autors Jaime Begazo beleuchtet das Verhältnis von Realität und Fiktion oder, um es mit Goethe zu sagen, von Dichtung und Wahrheit. Außerdem jenes von Denken (Planen) und Tun, von Rache und Gerechtigkeit. Und dies alles anhand einer der berühmtesten Erzählungen des argentinischen Schriftstellers und Bibliothekars Jorge Luis Borges!

Mit Begazos Zeugen machen wir auch die freudige Bekanntschaft mit dem, schwierige Buchbranchenzeiten hin oder her, neu gegründeten KUPIDO Literaturverlags aus Köln, dessen Verlagsleiter Frank Henseleit auch die Übersetzung des Romans aus dem peruanischen Spanisch besorgt hat. Das wird er weiter so betreiben. Der Schwerpunkt liegt auf Literaturen aus Lateinamerika und dem iberischen Raum, es wird aber auch Exkursionen in die arabische und ukrainische Welt geben. Vier Titel sind gegenwärtig bereits am Start.

Der Universitätsprofessor Begazo, Autor unter anderem des Vorwortes einer Gesamtausgabe von Borges, Ich-Erzähler und Alter Ego des Schöpfers des Romans besucht Borges (1899–1986) kurz vor dessen Tod in Genf. Er hat eine ganz besondere Frage auf dem Herzen: „Wer ist Milton Sills?“

Milton Sills ist eine Figur, die im gesamten Werk Borges’ nur ein einziges Mal vorkommt, die „sich überhaupt nicht in das Puzzle einfügen wollte, sie ist wie ein überzähliger, falscher Stein, ihr Vorhandensein mutet sogar etwas widersprüchlich an“. Milton Sills taucht in der Erzählung „Emma Zunz“ aus dem Jahr 1948 auf. Diese ist Teil des Bandes Das Aleph, der sich mit der Unendlichkeit beschäftigt.

Die Erzählung spielt 1922 oder 1923 in Buenos Aires. Emma erhält einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wird, ihr sechs Jahre zuvor nach Brasilien geflohener Vater habe Selbstmord begangen. Geflohen war er vor einer Gefängnisstrafe, die ihm drohte, weil er anscheinend Gelder der Firma unterschlagen hatte, in der er als Kassierer arbeitete. Vor seiner Flucht konnte er Emma jedoch noch die Wahrheit mitteilen: Der Dieb war niemand anderes als der Geschäftsführer Loewenthal selbst, der mit einem geheimen Zweitschlüssel die Kasse geleert hatte. Daraufhin ersinnt Emma einen ausgeklügelten Plan, wie sie Gerechtigkeit wiederherstellen kann.

In dem Gespräch, das sich nun zwischen den beiden Herren entwickelt, wird zum einen die Erzählung wiedergegeben, zum anderen erzählt Borges den Hintergrund der Geschichte. Denn diese beruht auf einer wahren Begebenheit – eine Tatsache, die die Gedankenwelt des Ich-Erzählers auf den Kopf stellt. War Borges bislang für ihn der „Inbegriff der Literatur“, der „höchste Ausdruck literarischer Kreativität“, der „Nukleus der Fiktion des 20. Jahrhunderts“ fällt plötzlich dieses Gebäude in sich zusammen, scheint der „Gott“ der Fiktion vom Himmel auf die Erde zu fallen.

„Natürlich hat Milton Sills existiert“, sagt Borges und initiiert damit die Reflexionen darüber, wie sehr die Dichtung von der Realität beeinflusst wird. Er kannte Milton, der in der Erzählung lediglich als ein Porträtfoto vorkommt, das in Emmas Schublade liegt. In Wirklichkeit war er, zusammen mit Borges selbst, Zeuge der Ausführung von Emmas Plan, Zeuge jener Tat, die den Nukleus der Erzählung bildet.

Die Tat, ihre Verwandlung in Fiktion, ihre Verzerrung bei der Wiedergabe, gleichzeitig jedoch die Beibehaltung der Wahrheit – weil die Darstellung im Kern der Wirklichkeit folgt, alles andere sei „infernalisch“, so Borges –, diese Poetologie breitet der berühmte Autor vor den erstaunten Augen des Wissenschaftlers aus.

Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich heute noch nostalgisch an das Vergnügen erinnere, das mit diesen Momenten verbunden war. Der Reiz, der vom Ungewissen ausging, die abenteuerlichen Vorstellungen, die Fülle der Möglichkeiten, das Vorstellungsvermögen überhaupt, sich tausend Enden ausdenken zu können, tausend verschiedene Kulminationen, alle gültig, alle real.

Diesem Gespräch zu folgen ist ein großes Vergnügen. Zu wissen, es ist ein Roman, alles ist ausgedacht, der Autor führt vor Augen und zugleich hinters Licht, er spielt mit der Fantasie der LeserInnen, er macht es wie Borges selbst, der mit ihm „Katz und Maus“ gespielt hatte. „Borges hatte es wieder einmal geschafft, ich verspüre eine Mischung aus Scham und Bewunderung“, so der Erzähler im letzten Abschnitt des Buches.

Dank an Petra Lohrmann (Foto ArtTower)

  • Jaime Begazo: Die Zeugen. Aus dem peruanischen Spanisch von Frank Henseleit. Köln: KUPIDO Verlag 2020. 128 Seiten, gebunden. 18,80 Euro. Auch als E-Book.

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