Elke Erb, der Büchnerpreis, unter Gedichtverdacht

Es ist kein Geheimnis: Die deutsche Dichterin, Essayistin und Übersetzerin (aus dem Russischen und Georgischen) Elke Erb hat furchtbar viel geschrieben und es wurde schon furchtbar viel über sie gesagt. Das ist auch kein Wunder, ist die 1938 geborene Autorin, die ab 1949 in der ehemaligen DDR lebte und heute in Berlin, doch seit den 1960er-Jahren literarisch umtriebig. 1975 veröffentlichte sie mit Gutachten erste „Poesie und Prosa“. Zu den nachrückenden Büchern gesellten sich renommierte Würdigungen und Preise für ein ungebrochen singuläres, lebhaftes Schaffen. Höhepunkt ist nun die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises Ende Oktober in Darmstadt, den sie persönlich entgegennahm. Der Lyriker und Übersetzer Hendrik Jackson staunt in seiner Laudatio auf die Preisträgerin sogar darüber, dass „nicht nur Elke Erb sich selbst zielstrebig auf der Spur ist, sondern dass auch eine große Anzahl von Dichtern und Dichterinnen ihr scheinbar mühelos folgen und ihr Schreiben beobachtend und kommentierend begleiten“. Auch Friedericke Mayröcker gehört ja bekanntlich zu den großen Fans von Erb.

Auch ohne Geheimnis und Wunder bleibt also das Staunen über ein außerordentlich „vielschichtiges und verzweigtes Werk“. Dieses durchforstet, und den Lesenden quasi die Arbeit abgenommen, haben die beiden emsigen Herausgeber und Nachwortschreiber Monika Rinck und Steffen Popp in ihrem aktuell in der Bibliothek Suhrkamp (Verlagspremiere!) erschienenen, ersten Auswahlband an Gedichten von den Anfängen bis heute: Das ist hier der Fall. Genau, für „alle Fälle“ oder „Glücksfall“ möchte man ergänzen, um das Mehrdeutige des ebenso abstrakten wie frohlockenden Titels zu betonen. Allein die Bandbreite an Redewendungen zum Begriff „Fall“ zeugt von der Offenheit der wendigen dichterischen Produktion. Elke Erb gehe, steht im Nachwort, ausnahmslos mit allem um, was der Fall sei. Und dies tut sie auf „beharrliche,  aufmerksame und zugewandte“ Weise, egal ob es sich um Dinge, Sachen, Tiere, Brombeeren oder „Herzkullern“ handelt.

Allen voran dient ihr die Sprache gleichsam als Instrument wie als Gegenstand der Erforschung. Die Herausgeber konstatieren: „Sich auf die Gedichte von Elke Erb einlassen heißt, auf eine je eigene Weise selbst gehen, die gedanklichen und sprachlichen Schritte des Textes selbst machen, die sich aus ihnen ergebenden Einsichten und Klärungen selbst entwickeln.“ Gedichte lesen als Selbstermächtigung.

Erbs Freude am eigenen Schreiben, dem Spiel mit der Sprache, ein Staunen auch hier, lässt sich wunderbar bei der Buchpremiere von Das ist hier der Fall im Berliner Haus für Poesie nachvollziehen. Erb liest hier mit heiterer, verschmitzter Gelassenheit aus ihren Gedichten, setzt beim Text „Befreie die Bleichen“ gleich zweimal an, versteht nicht, unterbricht sich, entsetzt sich über die „Härte“ des Gesagten. Da geht sie dann in so einem Fall wohl selbst die Schritte des Textes nochmals nach. Oder anders gewendet: „Der kühle Blick liest das Eigene genauso wie das Fremde, und er liest es immer wieder neu.“ Erb ist auch sehens- und hörenswert. Zum Schluss ihrer Lesung fächelt sie „viele Mercis“ ins applaudierende Publikum.

Ihre mehr als fünfzig Jahre andauernde Publikationsgeschichte hat die Nachtarbeiterin Elke Erb, die sich das Bett mit zig Büchern teilt, auch in verschiedene Verlagshäuser geführt bis hin zu einer festen Beheimatung in der Schweiz –  zunächst ab 1998 bei Urs Engeler Editor und ab 2009 bei dessen Nachfolgeprojekt roughbooks. Beide Editionen sind zwei echte Independents in der Branche, zu deren Philosophie Erb offensichtlich goldrichtig passt. Das verlegerische Engagement sei an dieser Stelle besonders gewürdigt. Von diesen federleichten, handflächengroßen roughbooks gibt es inzwischen fünfzig Stück, keiner hätt’s gedacht, aber laut Zweitherausgeber Christian Filips zeigt sich, dass es diese „Form des Büchermachens geben kann“: „Für mich ist das größte Glück dieses Ping-Pong, die präzise Schnelligkeit, das Unterlaufen der üblichen Formen, Vorschauen, Zeitpläne“, erzählt er im Signaturen-Interview.

Elke Erbs dort 2019 erschienener Lyrikband Gedichtverdacht hat die Nummer 048, drei weitere, ältere Titel wurden anlässlich des achtzigsten Geburtstags der Dichterin 2018 zu einem roughbook-Sonderband zusammengefasst (Sonnenklar meins: Das Hündle kam weiter auf drein).

In Gedichtverdacht findet sich auch die titelgebende Verszeile der obigen Anthologie, und zwar im Gedicht „Ich wache auf“, notiert am 1.7.2018. Der Band zeichnet sich durch einen lustvollen Umgang mit Form und Gestaltung aus. Da sieht jede Seite anders aus.

Und weil es so schön ist im gedichtsverdächtigen Leben der Elke Erb, folgen weitere Texte (Notate, Selbstkommentare, Reflexionen sind dies meist) aus dem Band und laden unbedingt zum Kennenlernen/Weiterlesen des Werkes ein.

Herzweh, einsames
Da ist guter Rat teuer.
Niemand ist da.
Dieses Nichts ist unausbleiblich.
14.10.14

Poesie
Ich sagte plötzlich beim Frühstück mit den beiden hier auf dem Land:
Man ist ja irgendwie immer elf, und Geli: stimmt, sie sei immer 12.
Ei!
27.4.17

Der älteste Langtext in dem Band „Wir saßen in den Zuschauer-Rängen …“ datiert vom 20.9.70, aber nicht nur aus dieser Zeit. Die spezielle Eigenheit von Erb sieht vor, an den Orten Tage- oder Notizbuch Niedergeschriebenes zum passenden Moment hervorzuholen, meist im Sommer, und einer Neubetrachtung zu unterziehen, ehe es im geplanten Buch seinen Platz findet. Am Ende des Textes heißt es dann: „20.9.70 / aus dem Tagebuch geholt am 17.2.17“.

Poesie ist lebensnotwendig. Sie leistet gesellschaftliche Arbeit, und sie kann sie auf keine andere Weise tun als poetisch.

Sagt Elke Erb. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Senta Wagner

  • Elke Erb: Gedichtverdacht (hg. von Urs Engeler und Christian Filips). Schupfart/Wuischke/Berlin: roughbooks 048, 2019. 94 Seiten. 10 Euro.

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