Willi Wottreng im Gespräch über „Jenische Reise“ (bilgerverlag)

„Sie sind heute 77 Jahre jung“, hat der Pfleger gesagt. „Falsch“, habe ich ihm geantwortet. „Ich bin 888. Es müssen 888 Kerzen sein. (…) Ich bin die jenische Anna und habe schon bald ein Jahrtausend gelebt. So ist das.“

Mit Anna, die nun in einem Pflegeheim lebt, erzählt Willi Wottreng in Jenische Reise die Geschichte jenischer Europäer. „Und die Geschichte Europas“,wie Anna sagt. Ein weiteres Mal hat der Autor sich damit sogenannten „Randfiguren der Geschichte“ zugewandt, wie schon in seinem Buch Ein Irokese am Genfersee. Eine wahre Geschichte, erschienen 2018, ebenfalls im Zürcher bilgerverlag.

Petra Lohrmann: Mit obigem Zitat aus Jenische Reise möchte ich mitten hineinspringen in Ihr neues Buch, sehr geehrter Herr Wottreng. Es ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen, diesen Personen oder Gemeinschaften eine Stimme zu verleihen. Sie sind Romancier, Sachbuchautor und Journalist: Erscheint Ihnen die Form der literarischen Erzählung geeigneter, um auf bestimmte Themen einzugehen?

Willi Wottreng: Als Sachbuchautor porträtierte ich vor allem Personen, und dies auf Grund präziser historischer und mündlicher Quellen. In gewissem Sinn ergab dies aber immer eine Aussensicht. Als literarischer Erzähler habe ich natürlich alle Freiheit, und ich kann mich in die innere Erlebniswelt einer Figur versetzen. Bei der jenischen Anna ging es mir darum, aus einer subjektiven Sicht zu schreiben, der subjektiven Sicht einer Volksgruppe, und Legenden und Märchen, Erlebtes und Tradiertes in einer Figur zu verquirlen.

„Eine große Erzählung“ ist auf dem Cover des Buches Jenische Reise zu lesen, nicht „Roman“. Das Buch knüpft an die mündliche Tradition des Geschichtenerzählens an, an die Weitergabe von Generation zu Generation. Dabei schleichen sich Varianten ein, wichtig ist der Kern, der nie an Wahrheit verliert. „Erzählungen sind oft wahrer als die Wirklichkeit“, so Anna, die unbeugsame Frau, die durch die Zeiten führt.

Die historischen Begebenheiten in Ihrem Buch entsprechen den in jedem Geschichtsbuch nachlesbaren Tatsachen. Die Figur der Anna entspringt Ihrer Fantasie. Ist Anna ein Sprachrohr, eine Art personifiziertes kollektives Wissen?

Ja, meine Anna ist Trägerin aller gemeinsamen Erfahrungen. Eine Wanderin durch die kollektiven Welten. So soll so etwas wie die eigentlich nicht existierende kollektive Saga der Jenischen erfunden werden.

Sie sind „Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse“, der 1975 gegründeten Organisation von Jenischen in der Schweiz. Wie Sie im Nachwort schreiben, gibt es auch familiäre Verbindungen zu dieser Volksgruppe.

Darf ich präzisieren: Eine meiner Grosselternteile, der Namensträger der Familie, stammt aus einem sogenannt zigeunerischen Milieu im ungarischen Banat und seine Vorfahren aus frühjenischen Verhältnissen in Lothringen.

Wottreng kennt also die Geschichte dieses Volkes, das von manchen auch Zigeuner genannt wird, er setzt sich mit seinen Mythen auseinander, mit den Gesetzen, die den Menschen das Leben erschwerten oder nahmen. Aus all dem zusammengetragenen Wissen und vielleicht noch viel mehr aus dem mit dem Herzen Erkannten hat er eine wunderbare, vielfältige Geschichte komponiert!

Die „große Erzählung“ besteht aus drei Hauptteilen. Diese sind in jeweils vier bzw. fünf Geschichten aufgeteilt und werden von einem Erzähler, der von außen auf das Geschehen blickt, im Präsens erzählt. Ihnen vorangestellt und kursiv gedruckt sind die Berichte Annas selbst, die zusammenfassend und in der Vergangenheitsform berichtet, was ihr geschah, und damit dem Erzähler den Stoff liefert, den er ausbuchstabiert.

Dann gibt es noch einen Auftakt, die LeserInnen lernen die gegenwärtige Anna kennen, die nun im Pflegeheim lebt. Zwischenrufe zwischen den Hauptteilen und ein Ausklang, ebenfalls gesprochen von Anna, runden die Erzählung ab. Das klingt vielleicht kompliziert, ist es aber nicht.

Diese Struktur ist eine besondere. Hat sie ein Vorbild in den traditionellen Geschichten der Jenischen?

Nein, ausser wenn man vielleicht an den gewissen Rondo-Charakter der Komposition denkt. Also verschiedene Erlebnisgeschichten, die verbunden werden durch den Refrain der Anna im Irrenhaus. Am Grillfeuer mag eine Erzählung nach der andern folgen, und dazwischen wird immer wieder das Glas erhoben.

Die verschiedenen Zeit- und Erzählebenen, die unterschiedlichen Perspektiven verleihen dem Text eine Unendlichkeit, eine Vielfalt und dabei große Dichte, Eindringlichkeit und Nähe zu der uralten Anna, zu dieser Frau, die ein Volk verkörpert. Die (vermutlich) bei Thessaloniki geboren wurde, über Ragusa in den Norden wanderte, in Basel wie in Antwerpen lebte, von Lothringen nach Temeswar ins Banat ging, den Nationalsozialismus überlebte und ihren Lebensabend in der Schweiz beschließt.

Die tausendjährige Anna, die Wiederholung vieler Geschehnisse, das Echo der Vergangenheit in der Gegenwart, all dem scheint nicht die Idee der fortschreitenden Geschichte zugrunde zu liegen. Welche Vorstellung von der Geschichte, der Zeit haben Sie?

Nein tatsächlich, von Fortschritt kann keine Rede sein. Auch nicht von Zivilisationsfortschritt. Da ist eine Wiederkehr des existentiell Immergleichen in immer anderer Form. Auch wenn die Anna im Lauf der Jahrhunderte älter wird, weil auch sie sterblich ist. Das wunderbare Titelbild gibt die Zeitvorstellung wieder: Es präsentiert eine Uhr ohne Zeiger. Denn die braucht man nicht. Ein Jenischer oder eine Jenische braucht allenfalls das schöne handwerkliche Gebilde als Schmuck und das Kupfer-Drum-und-Dran als verkäuflichen Wertgegenstand.

Anna, deren Männer stets Namen tragen, die mit einem „A“ beginnen, die Müllerin, Händlerin, Baderin, Heilerin und noch viel mehr ist, die regelmäßig ihr Bündel schnüren und mit den Kindern weiterziehen muss, hat einen anderen Begriff von Heimat als die Bürgerlichen: Er ist nicht an den Ort der Herkunft gebunden, auf den die Welt sich immer mehr fixiert, für sie ist Heimat die Familie, die Gemeinschaft. Materieller Besitz ist eher hinderlich, zu oft haben diese Gemeinschaften die Erfahrung gemacht, dass sie jederzeit bereit sein müssen weiterzuziehen.

Seit einiger Zeit wird der Begriff der Heimat vermehrt diskutiert, gerne im Zusammenhang mit besonderen Werten, die für eine Nation als charakteristisch gelten (die Deutschen sind pünktlich und fleißig, andere anscheinend nicht etc.). Ist Ihre Erzählung auch eine Aufforderung, die Vorstellung von Heimat zu überdenken?

Ich habe keine Botschaft, schon keine belehrende. Ich will nur jenische widerständige Empfindung spürbar machen. Und vielleicht ein wenig Vergnügen an dieser Sicht auf die Welt wecken. Bei einer Bevölkerungsgruppe, die nie Grund und Boden hatte und nie einen Staat, den sie als ihren ansehen konnte, gehört zu tradierten Grundgefühlen, dass man nicht viel gemein hat mit dem Wertekanon derer, die sich als staatstragend empfinden. Wenn man den jenischen Bevölkerungsgruppen Europas selber eine Art mentale Gemeinsamkeit zuschreiben will, würde ich sagen: eben Widerständigkeit, Autonomie, alltägliche Kreativität.

Die LeserInnen werden durch die Historie Europas geführt, durch die Geografie des Kontinents, durch Krönungen und Kriege, durch Erlasse und Gesetze, sie erleben Rassismus und Spiritualität, sie sehen die Welt aus einer weiblichen Perspektive. Und aus jener der Armut.

Die Kultur der Sinti und Roma steht für eine patriarchalische und hierarchische Ordnung – jedenfalls habe ich dies stets so wahrgenommen, habe mich aber auch nie explizit mit dieser Kultur beschäftigt. Ist mein Eindruck falsch, oder ist die Lebensart der Jenischen eine andere? Haben Sie mit der Figur „Anna“ den Blick ganz bewusst auf die Frau(en) gelenkt, um der landläufigen Meinung entgegenzuwirken?

Jenische haben keine Rituale oder strenge Reinheits- und Verhaltensvorschriften, wie man sie etwa bei Sinti findet – mit denen sie trotzdem durchaus, jedenfalls in der Schweiz, verheiratet sein können. Sie sind anarchischer. Die Frauenfigur drängte sich auf, weil im gelegentlichen Chaos des jenischen Armutsalltags die Frauen halt diejenigen waren und oft heute noch sind, die den Karren ziehen. Und ein Mann als Träger einer modernen kollektiven Saga, das werden Sie mir zugeben, geht einfach nicht mehr. Die Saga stünde beständig unter dem Macho-Verdacht, da werde ein Jenischer als Artus-Ritter präsentiert.

Ich zeige euch die andere Geschichte Europas. Die reiche Geschichte der Armut. Die vielen Geschichten des jenischen Volkes. Wenn ihr etwas davon behalten wollt, merkt euch den Buchstaben A: Armut, Arbeit, Anerkennung. Und Anna, das bin ich.

Zwischen Fantasie und Wirklichkeit angesiedelt ist die Erzählung zweierlei verpflichtet: den Jenischen und der Wahrhaftigkeit. Sie ist ein aus unendlich vielen Perspektiven gezeichnetes Bild, ein kluger, poetischer, im Sinne der Humanitas menschlicher, weiträumiger, großherziger und sprachlich herausragender Text.

Dank an Petra Lohrmann (Fotos Petra Lohrmann) und Willi Wottreng!

  • Willi Wottreng: Jenische Reise. Zürich: bilgerverlag 2020. 211 Seiten, gebunden. 24 Euro

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