Rafael Gumucio: Transitkind (edition 8)

Meine Eltern, meine Onkel, meine Großeltern sind im Exil in Frankreich. Die Erwachsenen mag ich nicht, aber Kinder finde ich vollkommen unausstehlich. Ich will ein Genie sein oder gar nichts, oder anders gesagt, ich habe Angst, dass, wenn ich kein Genie werde, ich am Ende niemand sein könnte.

Es sind mehrere Übergangsräume, in die uns die Textsammlung des chilenischen Autors Rafael Gumucio führt: Die dreißig autobiografischen Fragmente, die in Transitkind zu einem Band zusammengefasst sind, beschreiben zum einen die unruhigen Jahre der Jugend des Autors als Interim zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.

Mit der Verortung im Chile der 1970er-Jahre tut sich zugleich der nächste Transitraum auf: der Militärputsch von 1974 schickt die Familie des Autors auf eine unfreiwillige Reise ins französische Exil. Der junge Rafael Gumucio wächst so einmal mehr in einem Zwischenraum auf, geprägt von den Jahren in der Fremde, die bestimmt sind von politischen Sitzungen und der Trennung der Eltern. In all den Wirren gilt es die eigene Identität zu finden – und tatsächlich scheint der Wunsch, Schriftsteller zu werden, die einzige Konstante zu sein. Denn auch die Rückkehr in die Heimatstadt Santiago zeigt, dass diese längst nicht mehr so vertraut ist, wie in den Jahren vor dem Exil.

Ich war weder jemals Chilene noch Franzose, ich war nur Teil dieser winzigen Pausenhöfe, auf denen meine Rechtschreibschwäche ein Vorteil war und auf denen ich einzigartig war, weil wir alle einzigartig waren, und wo wir uns versteckt hielten, um zu überleben. Auf dem Saint Victor sang ich für mich allein, auf dem Regina verbrachte ich die Morgen damit, Ana María wortlos meine Liebe zu erklären. Schüchtern und unfähig, mit meinen Klassenkameraden einzeln zu sprechen, verlas ich öffentlich Reden, Gedichte und Einakter.

Der Reiz von Transitkind besteht dabei nicht nur in dem Aufeinandertreffen von Politik und Persönlichem und dem speziellen Beispiel des Autors, das gleichzeitig das Schicksal und die Herausforderungen einer ganzen Generation widerspiegelt. Es ist auch ein interessanter Zeitpunkt, den der als Genossenschaft organisierte Zürcher Verlag edition 8 gewählt hat, um das Buch über zwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen nun in deutscher Übersetzung von Benjamin Loy herauszubringen.

Denn während Pinochets Vermächtnis bis heute andauert und die Rückkehr zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit erschwert, stimmen aktuelle Nachrichten aus Chile hoffnungsvoll. So schritten diesen Oktober mehr als sieben Millionen Chileninnen und Chilenen im Rahmen eines Referendums an die Urnen und sprachen sich mit einer überwältigenden Mehrheit von 78 Prozent für eine neue Verfassung aus. Es ist ein großer, später Schritt im Prozess der Zerschlagung der politischen Strukturen, die die Militärdiktatur hinterlassen hat. Und ein neues Feld, das sich öffnet und über das wir in der auf lateinamerikanische Belletristik sowie kritische Sachbücher spezialisierten edition 8 möglicherweise noch lesen werden.

Dank an Lucia Schöllhuber

  • Rafael Gumucio: Transitkind. Aus dem chilenischen Spanischen von Benjamin Loy. Zürich: edition 8 2020. 196 Seiten, gebunden. 21,20 Euro.

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