Krausz/Aerni/Heidenreich: Aves I Vögel. Charakterköpfe (Dölling und Galitz Verlag)

Beeindruckende Schnäbel, glänzende Augen, flaumige Köpfe, Federn, wie frisch drapiert – 65 Vogelarten sind in dem Bildband Aves I Vögel. Charakterköpfe versammelt, sie alle zeigen eines: Charakter. Mit der Kamera eingefangen wurden sie von dem Hamburger Fotografen Tom Krausz, die vielfältigen Texte stammen von Elke Heidenreich und dem Ornithologen Urs Heinz Aerni. Erschienen ist der Band im 1986 gegründeten unabhängigen Verlag Dölling und Galitz mit Sitz in München und Hamburg.

Tom Krausz hat die Gesichter in klassischer Pose eingefangen: im Profil, Halbprofil, frontal oder als Brustbild; allesamt in Schwarz-Weiß, was durch die scharfen Kontraste in Verbindung mit gezielt eingesetztem Licht zu sehr beeindruckenden Porträts führt. Jedem Porträt ist ein Steckbrief vorangestellt mit Hinweisen auf Merkmale, Vorkommen und Lebensweise. Der Name des jeweiligen Vogels wird ergänzt durch ein Schattenbild, eine kleine und feine Ausschmückung der Seite.

Schneeeule

Die Texte der beiden Autoren sind so vielfältig wie die Vögel selbst. Während Urs Heinz Aerni die LeserInnen immer wieder direkt anspricht, kleine Anekdoten einflicht, eigene Erlebnisse mit Vögeln oder Vogelkundlern erzählt, konzentriert sich Elke Heidenreich stärker auf die Vögel selbst. Auf eine keineswegs trockene Art jedoch.

Zum Beispiel der Basstölpel:

Der Name ist nicht schmeichelhaft. Aber dieser Vogel ist ein Idiot. Ein Bobo, wie portugiesische Seefahrer sagten, ein Tölpel, ein Blödmann, der sich immer wieder zutraulich aufs Schiffsdeck setzte und nie begriff, dass man ihn dann fing, schlachtete, aß. 1448 wird er zum ersten Mal erwähnt, im Zusammenhang mit der Felseninsel Bass Rock vor Schottland, da lebt und nistet er bis heute in großen Kolonien, und der Felsen leuchtet weiß: komplett vollgeschissen.

Bei Urs Heinz Aerni klingt es so, wenn er etwa vom Adler erzählt:

Wissen Sie, was ein „Krafttier“ ist? Zu denen gehören auch die Adler, also auch unser Weißkopfseeadler hier. Ein Sioux soll gesagt haben, dass alle Tiere Mächte in sich hätten, da der große Geist in allen wohne. (…) Seit Menschengedenken wird der Adler verehrt, mythologisch mit der Sonne verglichen, und Zeus ließ seine Blitze per Adler verteilen. (…) Schauen Sie ihm mal direkt in seine Augen. Wirkt er nicht eher verdutzt als stolz?

Darauf folgt eine witzige Aufzählung all dessen, was der Held, der keiner ist, alles nicht kann.

Das spannende an diesem Buch ist, dass man den Vögeln so direkt ins Gesicht schauen kann. Heidenreich schreibt in ihrer Einführung, man könne „Rechtsanwälte, Mafiosi, Hausfrauen, Charmeure, Betrüger und Naive“ sehen, „wie im richtigen Leben“. Dieser Aufzählung möchte ich noch das Schlitzohr, den Neugierigen, Skeptischen, Zurückhaltenden und Traurigen anfügen. Es fehlt: der Lustige, der Spaßvogel. Es scheint, als würden die Vögel wissen, dass viele ihrer Artgenossen gefährdet sind, auf der Roten Liste stehen oder nur noch in Parks betrachtet werden können.

Helmhokko

Ein weiterer einführender Text von Prof. Dietmar Schmidt geht auf die Beobachtung im Unterschied zur physiognomischen Betrachtung von Vögeln ein. Ein interessanter, auch historischer Exkurs, denn man sollte heute vorsichtig sein, Charaktere anhand von äußeren Merkmalen definieren zu wollen. Schmidt weist darauf hin, dass „die Voraussetzungen der älteren physiognomischen Sichtweise in diesen Fotografien nicht mehr gelten. (…) Wir sind weit entfernt davon, dem Tier, das wir sehen, mittels seiner Unterordnung unter die Idee und den Begriff seiner Gattung eine fixe Bedeutung abgewinnen zu können.“

Insgesamt ist das Buch mehr als ein Augenschmaus – es ist eine Begegnung mit flüchtigen Tieren, denen man hier in aller Ruhe ins Auge, ins Gesicht blicken kann. Die wunderbaren Porträts werden ergänzt durch aufschlussreiche, nachdenkliche, poetische, ironische, den Charakteren der Vögel und der Autoren geschuldete Varianten eines großen Themas: Jeder einzelne Charakter ist eine Persönlichkeit, ist von Bedeutung, ist schützenswert.

Es geht nicht um die Vermenschlichung von Tieren, es geht um die Erkenntnis, dass der Mensch nicht alles ist.

Dank an Petra Lohrmann (Foto Seitenanfang ©Aleksandar Pasaric)

  • Tom Krausz (Fotos), Elke Heidenreich/Urs Heinz Aerni (Text): Aves I Vögel. Charakterköpfe. München: Dölling und Galitz Verlag 2020. 176 Seiten. 90 Duplexabbildungen, gebunden. 32 Euro. (Auf YouTube gibt es eine schöne Vorstellung des Bandes durch Tom Krausz)

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