Martin Peichl: In einer komplizierten Beziehung mit Österreich (Verlag Kremayr & Scheriau)

Wie wäre es, einen Bierdeckel einmal als etwas anderes anzusehen denn als unansehnlichen Papp-Untersetzer für Getränke, auf den im Laufe einer durchzechten Nacht die Anzahl der konsumierten Alkoholika verzeichnet werden oder ein doofer Spruch, eine Anmache, eine Telefonnummer? Bierdeckel sind gleichermaßen ephemer und singulär: Es gibt sie nur in Gasthäusern, ihre Funktion ist zumindest teilweise fragwürdig, die Kartenhäuser, die man aus ihnen baut, sind mehr als fragil, und selbst, wenn man etwas auf ihnen notiert und sie aufbewahren möchte, verliert man sie und damit auch die niedergeschriebenen Worte über kurz oder lang mit Sicherheit oder findet sie als unzählige aufgeschwemmte Papierfetzen in der Waschmaschine wieder.

Begreifen wir den Bierdeckel also als verdichtetes und verdichtendes Medium fragmentierter Geschichten, vielleicht sogar einer neuen zeitgemäßen lyrischen Kurzform vergleichbar, dann nähern wir uns dem Schreiben von Martin Peichl an. In einer komplizierten Beziehung mit Österreich ist nach seinem Debütroman Wie man Dinge repariert (Edition Atelier 2019, Interview auf dem Hotlistblog) sein zweites Buch und erschien im Herbst 2020 im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau. Als besonderes Gimmick bietet es nicht nur einen echten Bierdeckel an, sondern auch zahlreiche kurz skizzierte Texte auf imaginären Bierdeckeln zum Lesen: eine eigentümliche Sammlung von zarten und empfindsamen, gleichzeitig immer wieder auch betont kraftvoll und simpel gehaltenen Gedankenfetzen, Thesen, Gedichtzeilen, die sich, anders als der Titel es suggeriert, nicht primär mit Österreich befassen, sondern mit allen möglichen Beziehungsformen unserer heutigen so seltsam disparaten Welt, in der eine gelingende, einvernehmliche und gleichgewichtige Beziehung immer öfter eine kuriose Seltenheit zu sein scheint. Dementsprechend ist die grundlegende Melancholie der Texte nicht zu überhören: Hier schreibt ein Suchender, ein Fragender, im Grunde ein Romantiker.

In jedem Falle sind die so unterschiedlichen Prosatexte, die in dem Buch versammelt sind – Liebesskizzen, Kindheitserinnerungen, Spielebeschreibungen, Serienszenarien, Reflexionen zu verschiedenen Kunstformen und biologischen Themen –, so vielfältig, komplex und facettenreich gestaltet, dass es nicht genügt, sie, wie vom Klappentext vorgeschlagen, als „melancholischen und humorvollen Mix aus Bierdeckelgedichten und Geschichten“ zu begreifen, „unterlegt mit einem unverwechselbaren Sound“, „ein Kleinod zum Verlieben“. Nein, das wird dem Buch nicht gerecht und führt potenzielle Leser*innen möglicherweise ebenso in die Irre wie die bewusst landestypisch-österreichische Aufmachung des Einbandes und des Covers, die aus rot-weiß kariertem Stoff, vielleicht eines Tischtuchs oder von Bettwäsche, zu bestehen scheinen.

Seitdem die Schriftstellerin und Lektorin Tanja Raich damit begonnen hat, das Literaturprogramm von Kremayr & Scheriau aufzubauen, ist der Verlag zu einem der spannendsten österreichischen Literaturverlage avanciert, der nicht vor ungewöhnlichen Stimmen, Genremischungen, Textformen und politischen Haltungen zurückschreckt, und dessen variantenreiche Publikationen sich auf zeitgemäße und liebenswert widerborstige Art und Weise der Einordnung in literarische Schubladen entziehen.

Dass der mehrfach ausgezeichnete, umtriebige Schriftsteller Martin Peichl, der auch mehrere Lesereihen in Wien organisiert und moderiert, mit seinen literarischen Texten gut in dieses Programm passt, liegt auf der Hand. Die erzählende Kurzform liegt ihm, wobei er sie immer wieder auf überraschende Art und Weise variiert: Den prägnant und verdichtet in einem Satz eingefangenen Gedanken, in dem auf den zweiten Blick noch erstaunlich viele weitere Reflexionsfacetten und -ebenen zu entdecken sind, beherrscht Peichl ebenso wie die Entfaltung verschiedenster Charaktere in Form von szenenartigen Miniaturen wie in „Männer ohne Eigenschaften oder warum Marta nicht gerne auf Dates geht“ – ein raffiniert subversiv gestalteter feministischer Text – oder das genaue und einfühlsame Nachzeichnen von Beziehungen wie der eigentümlichen, auch schmerzhaften Liebesart zwischen Jelena und dem Ich-Erzähler in „Der Kessler-Effekt“:

An manchen Tagen vergleiche ich Jelena mit der Sandkiste, in der ich die paar Wochen nach Tschernobyl nicht spielen durfte. Und ich glaube, langsam verstehe ich ihre Theorie, dass man sich zu ähnlich beschädigten Menschen hingezogen fühlt, dass man in der Bar, im Club nicht nach attraktiven Menschen, sondern in erster Linie nach Menschen mit Kratzern, Sprüngen und Rissen sucht, nach Menschen, deren Beschädigungsgrad ungefähr dem eigenen entspricht.

Ja, es sind beschädigte Menschen, von denen Peichl erzählt, die er leben, lieben, hoffen, leiden und scheitern lässt, und darin sind es authentische, bewegende und originäre Menschen, deren Geschichten man nicht leicht wieder vergessen wird. So ist „Die Entdeckung der Lichtempfindlichkeit“, in der der Ich-Erzähler, ausgehend von kunsttheoretischen Fragestellungen zur Gattung der Fotografie, verschiedene Fotos von sich und seinen Eltern in seiner Kindheit beschreibt und sich damit auf die Spuren seines an Alkoholismus verstorbenen Vaters begibt, einer der berührendsten Texte über die Unmöglichkeit, von geliebten Menschen Abschied zu nehmen, die ich jemals gelesen habe:

Meine Mutter und ich am Küchentisch, sie sitzt ganz dicht hinter mir, ihre dunklen Haare fallen auf meine Schulter, ich lese in einem Buch, während sie in die Kamera blickt, die eine Hand auf den Tisch gestützt, die zweite eine Berührung andeutend. Wir sind so klein auf dem Foto, nehmen nur ein Viertel des Bildes ein, das Weiß der leeren Wand verschluckt das Licht, da sind Schatten, die keinen Sinn ergeben, die leere Wand wird uns verschlucken.


Dank an Ulrike Schrimpf

  • Martin Peichl: In einer komplizierten Beziehung mit Österreich. Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2020. 224 Seiten, gebunden. 24 Euro

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