Benjamin Constant: Adolphe (Matthes & Seitz Verlag)

Mit Benjamin Constants Adolphe liegt jetzt ein großer französischer Roman, ein großartiges Liebespsychogramm, erstmals veröffentlicht 1816, in neuer Übersetzung vor. Über zweihundert Jahre später.

Obwohl mein Vater sich immer streng an die äußeren Umgangsformen hielt, gestattete er sich, was Liebesverhältnisse betraf, nur zu oft leichtfertige Äußerungen: Er erachtete sie als bloße Vergnügungen, die, wenn schon nicht erlaubt, doch immerhin entschuldbar sind, und allein in der Ehe sah er eine ernsthafte Bindung.

Diese Maxime wird einem jungen talentierten Mann mitgegeben, der zwar keine wirklich enge Bindung zu seinem Vater hat, gleichwohl aber von ihm geprägt und wohl auch geliebt wird. Dieser junge Mann reist durch Europa, um sich nach seinem abgeschlossenen Studium in Göttingen vorzubereiten auf eine vielversprechende Karriere.

Mit dem Verhältnis zum Vater beginnt dieser ganz und gar ungewöhnliche, uns in die Tiefe der Liebesseele führende Roman. Die Liebe als bloßes Vergnügen: Diese Vorstellung wird hier eindrucksvoll und grundsätzlich widerlegt.

Der Titelheld ist zweiundzwanzig Jahre alt und über alle Maßen selbstbezogen, desinteressiert an anderen Menschen und Schicksalen, er langweilt sich in Gesellschaft. Er beschließt – wie andere Leute ein Reiseabenteuer planen –, dass es jetzt Zeit für die Liebe sein müsse. Und er findet das Objekt seiner Begierde bald in einer zehn Jahre älteren Frau: der durchaus ehrenhaften Geliebten eines Freundes. Aber was als kühl geplante Versuchsanordnung beginnt, ändert rasch die Temperatur der Empfindungen.

Ich hatte mir vorgenommen, als ein kalter und unbefangener Beobachter ihre Persönlichkeit und ihren Geist auszuleuchten; aber jedes Wort, das sie sagte, schien mir von einer unerklärlichen Anmut gezeichnet. Die Absicht, ihr zu gefallen, brachte eine neue Bedeutung in mein Leben und beseelte meine Existenz auf eine nie zuvor erfahrene Weise.

Der junge Mann ist offensichtlich verliebt in die schöne Frau, die ein übles Schicksal zur Geliebten eines reichen Mannes gemacht hat. Oder ist er verliebt in die Idee von der Liebe? Ist sein Egoismus so groß, seine Eigenliebe so gewaltig, dass er gar nicht wirklich und vorbehaltlos lieben kann? Die Geschichte nimmt ihren Lauf: Er wirbt um sie mit aller Kraft, sie wehrt sich standhaft gegen seine Schwärmerei, verfällt jedoch bald seinen Schwüren. Noch nie ist sie so wortgewaltig geliebt worden. Die Verliebtheit, das Begehren, die Sehnsucht: So großartig die Gefühle auch sind, so riskant ist ihre Verwirklichung.

Die Frau ist mutig und entschlossen. Der junge Mann weiß nicht, wie ihm geschieht, sie wirft ihre sichere Existenz über Bord, verlässt den reichen Mann und die gemeinsamen Kinder, will nur noch mit dem Geliebten sein, folgt ihm und erinnert ihn unablässig an seine Schwüre. Die Liebe ist kein Vergnügen! Der Titelheld fühlt sich bald eingeengt, um seine Jugend, seine Freiheit gebracht, er liebt nicht mehr, kann sich aber auch nicht trennen. Aus dem Himmel wird die Hölle. Nicht mit ihr und nicht ohne sie: Das ist bald das Motto des Helden, der die Frau nicht mehr liebt, sich ihr aber verpflichtet fühlt, der sie verrät und doch nicht verlassen kann – und als er sie für immer verliert, in tiefe Verzweiflung fällt.

Mit großer psychologischer, erstaunlich moderner Selbstreflexion beschreibt der Ich-Erzähler seine Feigheit, seine Unentschlossenheit. Porträtiert wird da wohl auch der Verfasser selbst dieses ans Herz gehenden kleinen Romans, denn Benjamin Constant, der eine lange Affäre mit Madame de Staël hatte, statt ihrer jedoch eine andere alte Geliebte heiratete, mit der er nicht glücklich wurde, war offensichtlich das, was man heute bindungsunfähig nennen würde. Dass Constant seinen Helden so kläglich agieren, die beiden Liebenden so klein werden lässt in ihren Zankereien und ihrer Unfähigkeit, dem anderen Raum zu geben, das ist ungemein modern beobachtet und erzählt. Am Ende von Adolphe steht die fraglose Überzeugung, dass man an gebrochenem Herzen sterben kann. 

Dank an Manuela Reichart (adaptiert; Originalbeitrag auf WDR 3)

                                                                                       

  •  Benjamin Constant: Adolphe. Aus dem Französischen von Erich Wolfgang Skwara. Berlin: Matthes & Seitz Verlag 2020. Reihe: Französische Bibliothek Bd. 11. 176 Seiten, gebunden. 18 Euro.

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