Leonardo Sciascia: Ein Sizilianer von festen Prinzipien (Edition CONVERSO)

Zwei Essays von Leonardo Sciascia, ein Grußwort der Übersetzerin und Verlegerin Monika Lustig plus Übersetzungsanmerkungen, allgemeine Anmerkungen, dazu zwei begleitende Texte von Maike Albath und Santo Piazzese: die Edition CONVERSO hat keine Mühen gescheut, um die zentralen Texte des sizilianischen Autors in einer nicht nur schönen, sondern auch in jeder Hinsicht „begleiteten“ Ausgabe mit dem Titel Ein Sizilianer von festen Prinzipien zu veröffentlichen.

Leonardo Sciascia, hierzulande vor allem für seine Krimis bekannt, schreibt über seine Erzählung Tod des Inquisitors:

Und ich kann sagen, dass ich an diesem Essay mehr und mit mehr Fleiß und Leidenschaft gearbeitet habe als an jedem anderen meiner Bücher.

Dabei begleitet haben ihn Erinnerungen an Menschen von „fester Überzeugung: Dickköpfe, zähe Knochen, imstande, sehr viel Leiden und Opfer zu ertragen“. Ein wohl gewählter Titel also für diesen Band, denn der Autor steht mit seinem Einsatz für Demokratie und Aufklärung für diese „festen Überzeugungen“.

Tod des Inquisitors erzählt die Geschichte des Fra Diego La Matina, geboren 1622 in Racalmuto, wo auch Sciascia (1921–1989) zur Welt kam. Fra Diego wurde 1658 bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dieses Ereignis wurde nach allen Regeln der Kunst als riesiges Schauspiel inszeniert.

Sein Vergehen? Häresie. Er vertrat eine von der kirchlichen Lehre abweichende Meinung. Nach mehreren Verhaftungen, Freisprüchen und erneuter Gefangennahme und Folterungen durch die Inquisition erschlug der als unbelehrbar geltende Mann den Inquisitor mit seinen Ketten. Selbst auf den allerletzten Metern hielt er an seiner Anklage gegen Gott fest: „Gott ist ungerecht.“ Aus verschiedenen Quellen sammelt Sciascia sein Wissen über Fra Diego, die Inquisition, die weltliche und kirchliche Gerichtsbarkeit, die Machtkämpfe verschiedener Potentaten, über die Mentalität der Menschen und mehr.

Der Beschäftigung mit dem ungeheuerlichen Fall aus dem 17. Jahrhundert liegt nicht allein historisches Interesse zugrunde, sondern der politische Kopf Sciascia verfolgt die Spuren dieser Ereignisse bis in die Gegenwart. Ihn interessiert das Verhältnis zwischen Obrigkeit bzw. Institutionen und Individuum. Damals, heute.

Wer war also Fra Diego La Matina? „Er war ein Mann, der die Würde des Menschen hochhielt.“ Sein Fall und die Zeugnisse davon sind „das authentischste und unmittelbarste Zeugnis des Dramas, das die Inquisition für die ihr unterworfenen Völker bedeutet hat …“

Ich habe mich für die Inquisition interessiert, weil diese weit davon entfernt ist, nicht mehr in der Welt zu existieren.

Und weiter: Sie ist ein „grausames und menschenverachtendes System, das immer präsent und perpetuierbar bleibt“ – so die Übersetzerin in ihrem Grußwort.

Die essayistische Erzählung Der Mann mit der Sturmmaske beleuchtet eine Gegenfigur zu Fra Diego: den Chilenen Munoz Alarcon. Er ist eine Gestalt, „die aus den Zeiten der Inquisition heraufbeschworen schien: entsetzliche Halluzination, entsetzliches Symbol. Der Mann ohne Gesicht, der Mann mit der Sturmmaske. Jener, der wortlos, lediglich mit einer Handbewegung entschied, wer von den im Nationalstadion eingepferchten Gefangenen zu Folter und Tod bestimmt war.“ Er wechselte mehrmals die Seiten, zelebriert sich am Ende selbst als Opfer. Er ist ein „Abbild des Terrors“, ein „Gespenst der Inquisition … einer jeden Inquisition, das der ewigen und immer raffinierteren Inquisition“.

Geschichte als Echoraum der Gegenwart – dieser Gedanke liegt den historischen Betrachtungen Sciascias zugrunde. In jedem Werk aus seiner Feder geht es um Gerechtigkeit. In ihr enthalten sind Freiheit, Würde, gegenseitiger Respekt. Der feine Band ist eine „Verneigung vor Leonardo Sciascia“. Und eine Erinnerung daran, dass jedwede Inquisition, jedes Tribunal nur dann eine Chance haben, wenn „es in seiner Umgebung an jedweder intellektuellen Kraft fehlt“.

Dank an Petra Lohrmann (Foto Antonio_cali)

  • Leonardo Sciascia: Ein Sizilianer von festen Prinzipien. Essayistische Erzählungen. Aus dem Italienischen von Monika Lustig unter Verwendung einer Übersetzung von Michael Kraus. Mit einem Grußwort von Monika Lustig. Bad Herrenalb: Edition CONVERSO 2020. 192 Seiten. 23 Euro.

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