Henrik Schrat: Grimms Märchen Bd. 1 (Textem Verlag)

Als „Projekt seines Lebens“ bezeichnet der deutsche Künstler Henrik Schrat die in der Tat riesenhafte Aufgabe, der er sich seit 2019 stellt: Sein Ziel ist es, in fünf Bänden, die in fünf aufeinanderfolgenden Jahren im Textem Verlag erscheinen werden, alle 240 Grimmschen Märchen neu zu sortieren, anzuordnen und, am wichtigsten, neu und durchgehend zu bebildern. Der Textem Verlag ist ein kleiner Hamburger Verlag, der seit 2004 besondere und auch besonders schöne Bücher, Kataloge und Magazine zu den Themen Kunst, Kulturtheorie und Popkultur herausgibt. Er scheint damit geradezu prädestiniert zu sein für das kühne Vorhaben Schrats. Was aber könnte sein Gewinn sein? Worin läge die Notwendigkeit einer solchen Neuausgabe? Gibt es nicht schon genügend gut illustrierte Ausgaben der Märchen? Und hat die weit verbreitete Reduktion des Korpus auf eine Auswahl von ca. fünfzig Märchen nicht einen guten Grund?

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Sobald man den ersten Band der Schrat’schen Ausgabe in den Händen hält – Schneefall, Himmel & Hölle (2020), zu dem die Dichterin Nora Gomringer das Vorwort geschrieben hat – und in dem schon auf den ersten Blick erkennbar von Buchliebhabern und Ästheten gestalteten Buch blättert, lösen sich solche Fragen in Nichts auf. Betörend – magisch, unheimlich, lustig, zeitgemäß und überkommen zugleich – wirkt der in dunklem Blau und Schwarz gehaltene Leineneinband, auf dessen Cover ein etwas belämmert dreinblickender, aber eindrucksvoller Rabe in Turnschuhen abgebildet ist. Reizvoll sind auch der in hellem Rot gestaltete Schnitt des Buches, sein ungewöhnliches Format, der Cremefarbton und die Qualität des Papiers, der Schriftsatz, aber vor allem die gleichzeitig zart und grob, realistisch und abstrakt, aktuell und mystisch wirkenden schwarzen Pinselzeichnungen in den unterschiedlichsten Größen, die der Künstler zu den Märchen angefertigt hat und die die Erzählungen grafisch genial gestaltet umschweben, umtanzen, durchbrechen, durchdringen. Eine Punkerin mit Kopfhörern trifft auf eine Ziege mit Schellenkranz, die Jungfrau Maria erinnert einmal an den Außerirdischen E.T. und einmal an eine nachlässig gekleidete Frau in Leoparden-Leggings, eine geheimnisvoll lächelnde Nixe schwimmt mit einem Mann mit Arschgeweih in einem verwunschenen See, und immer wieder entfalten sich dystopische Landschaften voller Trübnis, Kälte und Einsamkeit vor den Augen der Leser*innen.

Die Bilder Schrats nehmen den Märchen nicht ihr Eingeschriebensein in ihre Geschichte und versetzen sie doch in unsere heutige Zeit – eine besondere, eine hervorhebenswerte Leistung! Sie sind nicht nur meisterlich in ihrer Vielfalt, ihrem Erfindungsreichtum, ihren zahllosen detailreichen und fantasievollen Facetten, sondern sie sind auch durchgehend durchdrungen von einem gewissen feinen und auch liebevollen Humor, der die Wucht der schwarz-düsteren Bilder aufbricht und erhellt. Auch in diesem Punkt korrespondieren Schrats Illustrationen auf kongeniale Art und Weise mit den Märchen, die sie bebildern, wobei die Komik der Märchen in ihrer Schlichtheit und oft scheinbaren Unfreiwilligkeit fern von jeglicher Psychologisierung wirklich nicht als „fein“ oder „liebevoll“ zu bezeichnen ist. Dennoch macht diese, ähnlich wie der Witz der Schrat’schen Bilder, die oft brutalen, furchtbaren Ereignisse an vielen Stellen erträglicher und leichter.

Schrat widmet den ersten seiner Märchenbände den beiden Hauptmotiven „Himmel und Hölle“, und er lässt ihn mit einem Paukenschlag beginnen: mit dem gleichermaßen grausamen und ungewöhnlich lyrischen, von plattdeutschen Reimen und Versen durchzogenen Eröffnungsmärchen „Von dem Machandelboom“, das neben „Der Fischer und seine Frau“ als eines der beiden vollendeten Mustermärchen des Korpus gilt:

Mein Mutter, der mich schlacht’

Mein Vater, der mich aß,

mein Schwester, der Marlenichen,

sucht alle meine Benichen,

bind’t sie in ein seiden Tuch,

legt’s unter den Machandelbaum.

Kiwitt, kiwitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!

Der Künstler, der Malerei und Bühnenbild in Deutschland und England studiert und mit einer Arbeit über Comics promoviert hat, ist maßgeblich von den Cultural studies und dem Konzept der partizipativen Kunst beeinflusst. Dementsprechend stemmt er sein Mammut-Vorhaben, das auch aus finanzieller Hinsicht Herausforderungen in sich birgt, auf unkonventionelle und durchaus gewagte Art und Weise. Dabei geht er u. a. von einem demokratischen, politischen Kunstverständnis aus, hält sich fern von qualitativen Werturteilen und stellt den offenen Rezeptionsprozess ins Zentrum. Das Grimmschrat-Projekt finanziert sich vorrangig über eine besondere Teilhabe seiner Rezipient*innen, die sich finanziell auf verschiedenen Wegen in die Entstehung der Bücher einbinden lassen können, zum Beispiel durch spezielle Abonnements und, interessanter, durch sogenannte Cameos oder auch Cameoauftritte, also durch das häufig überraschende, kurze Auftreten einer bekannten Person in Kunstwerken, für das etwa Hitchcock berühmt ist: Privatpersonen oder auch Unternehmen ist es möglich, sich gegen ein Entgelt bildnerische Inszenierungen in der Schrat’schen Märchenausgabe zu verschaffen. Interessierte Leser*innen dürfen aber nicht nur mit pekuniären Mitteln bei Schrats Projekt mitmischen; fast wichtiger noch ist der Kommunikations- und Gestaltungsprozess, an dem sie teilhaben und den der Künstler über einen eigens für das Projekt initiierten Blog, einen Newsletter und die sozialen Medien, vor allem via Instagram, antreibt, indem er immer wieder Skizzen postet, Gestaltungsfragen diskutiert, Videos und Fotografien verbreitet. Damit bleibt Schrat nicht nur sich und seinen künstlerischen Prinzipien treu, sondern trägt dem zentralen Ziel der Romantiker, in den Märchen eine gewissermaßen autorenlose Stimme aus der Tiefe der Zeit zu finden, auf stimmige Art und Weise auch auf der Bildebene seiner Märchenausgabe Rechnung.

Die Cameos haben im Verein mit der Tatsache, dass erklärterweise einige zeitgemäße Persönlichkeiten in die Illustrationen mit eingebunden sind, Angela Merkel, Bill Gates, Julian Assange, Karl Lagerfeld und andere, einen interessanten Effekt: Man ist immer wieder versucht, in den Porträts Ähnlichkeiten zu lebenden Persönlichkeiten zu finden oder aber Größen des Gesellschaftslebens mit Privatpersonen zu verwechseln – das Vertraute wird fremd und das Fremde vertraut, das Private öffentlich und das Öffentliche privat, so dass paradoxerweise gerade auch durch die aktuelle Alltagsnähe der Märchensammlung, die Schrat u. a. durch zahlreiche intertextuelle Referenzen auf Fantasy-Literatur, Harry Potter, Game of Thrones etc., unterfüttert, eine gewisse märchentypische Zeitlosigkeit und Übergeordnetheit kreiert wird.

Nicht nur durch seine Illustrationen, sondern auch durch die neue Anordnung und Reihung der Märchen gelingt es Schrat, ungewohnte Schlaglichter auf eine der berühmtesten und bekanntesten Märchensammlungen weltweit zu werfen: So werden zum Beispiel Ähnlichkeiten und sogar Parallelen der Märchen untereinander evident, die bestimmte Motive und Grundzüge dieser auch in ihrer – mündlichen – Entstehung und Tradierung so besonderen erzählerischen Gattung erhellen: Was haben die beiden eher unbekannten Märchen „Der heilige Joseph“ und „Die drei Männlein im Walde“ mit dem Klassiker „Frau Holle“ gemein, und inwieweit erzählen die zwei wiederum eher selten zu lesenden Märchen „Die wahre Braut“ und „Jungfrau Maleen“ die gleiche Geschichte wie „Aschenputtel“? Auch diese „Lichtungsarbeit“ – der Künstler überschreibt sein GrimmschratProjekt mit den drei Schlagwörtern „Rodung – Kreuzung – Lichtung“ – ist ein Verdienst der innovativen Neuausgabe, auf deren vier weitere Bände man gespannt sein darf, zumal sich aus dem Kommunikationsprozess des Künstlers mit seinen Rezipient*innen jetzt schon herauskristallisiert, dass diese sich in ihrer Gestaltung von dem ersten Band emanzipieren und damit bestimmt wiederum erhellende und belebende Dimensionen eröffnen werden.

Dank an Ulrike Schrimpf

  • Henrik Schrat (Künstler): Grimms Märchen. Band 1: Schneefall, Himmel & Hölle. Hamburg: Textem Verlag 2020. 264 Seiten, Hardcover. 29 Euro.

2 thoughts

  1. lieber Andreas,
    danke für deine Nachricht. Am besten bestimmst du, ob es dein Must-have wird : )
    Wir vom Blog finden, ja!
    Folge doch dem Henrik Schrat am besten bei seinem Projekt …
    Viele Grüße Senta

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