Alke Stachler: geliebtes biest (edition mosaik)

etwas tun, das nur im märchen schön ist (Notizen zu Alke Stachlers geliebtes biest)

„etwas tun, das nur im märchen schön ist“ – die erste Zeile von Alke Stachlers geliebtes biest ist durchaus programmatisch zu verstehen, denn so märchenhaft ihre Texte auf den ersten Blick erscheinen, so wenig schön sind oft die Dinge, die sie beschreiben. In ihrer Zusammensetzung sind die Gedichte ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit Mythen und Märchen in unseren Alltag hineinwirken, wie sehr sie auch unsere Sprache, unser Denken beeinflussen. Wie bereits Stachlers erstes Buch dünner ort ist geliebtes biest in der edition mosaik erschienen, eine von Josef Kirchner und Sarah Oswald herausgegebene Textreihe, die in den letzten Jahren vor allem durch ihre inhaltliche Vielseitigkeit aufgefallen ist, was auch das aktuellste Beispiel belegt: Katherina Braschels Es fehlt viel (dessen Titel die Stimmung seines Erscheinungsjahres 2020 auf unheimliche Art und Weise auf den Punkt bringt).

Auf knapp 50 Seiten nimmt uns die Autorin in geliebtes biest also mit auf eine Reise ins Märchenhafte, führt uns mitten hinein ins Tierreich, aber auch der Weltraum ist eine wiederkehrende Station. Ähnlich abwechslungsreich verhält es sich mit der sprachlichen Gestaltung der (titellosen) Gedichte, sie expandieren bereits vorhandene Assoziationen und Sprachbilder, „wir haben diese pfade im kopf“, und variieren sie so lange, bis neue Bedeutungsspielräume entstehen. Die Sprache in geliebtes biest kann als etwas Organisches gelesen werden, und direkt dahinter wartet das Unheimliche: „jeder Satz ist ein Körper, in dem es nachts spukt“.

Foto edition mosaik

„es geht hier um starke chemische verankerungen“ – es geht um Prägungen, um die Frage, wie sehr unsere Gedanken und – damit eng verknüpft – unsere Sprache vorgeformt sind, wie sehr wir immer wieder zum selben Wasser zurückkehren, in denselben Fluss hineingreifen, um bei den Bildern der Autorin zu bleiben. Aber auch Sprachlosigkeit wird thematisiert, „so viele wörter für die abwesenheit von wörtern“, dass es eine Grenze gibt für jeden Diskurs, „was raubtiere nicht mehr zerlegen können, das wollen sie nicht mehr essen“, und die den Begriffen innewohnende Unschärfe, auch abseits des Märchenkontexts: „im märchen ist kein mund ein mund, keine abgeschlagene ferse eine abgeschlagene ferse.“

„mit dem ganzen körper lernen, dass die welt endet“ – das Thema Körperlichkeit begleitet uns beim Lesen vom ersten bis zum letzten Text, Schatten bekommen Fangzähne, im Magen leben Gespenster, und den Körper selbst durchziehen Serpentinen. Eng damit verwoben ist auch das Bedrohliche, das von den in den Texten angedeuteten zwischenmenschlichen Beziehungen ausgeht: „es ist eine traurige wahrheit, dass ich dir an die kehle gehen werde.“ Während die Hände „zum fürchten“ da sind, wird die Haut als nicht funktionierende Grenze thematisiert: „aber die haut verzeiht nichts, aber die haut merkt sich jeden kontakt.“

„da ist eine stumme geschichte auf der rückseite jeder geschichte“ – Stachlers geliebtes biest lässt viele parallele Lesarten zu, so zum Beispiel auch eine feministische: „im märchen sagt man frauen eine nähe zum wasser nach“, heißt es in einem der Texte, „ich kann wasser nicht mehr von säure unterscheiden“, in einem anderen. Es geht dabei auch um Vereinnahmung durch Sprache, „möchtest du über mich sprechen wie über schwärme, herden, kategorien von tier“, die mühsame Notwendigkeit, den eigenen Rhythmus an einen anderen anzupassen, das Ringen um den eigenen Text: „wie man ins rudel ruft, ruft so das rudel aus einem heraus“. Ein schöner Nebeneffekt: Man kann diese Lesarten nebeneinander stehen lassen oder sie übereinanderlegen, wie ein Palimpsest, und den „laufmaschen in der matrix“ folgen, mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung.

Alles in allem gehört geliebtes biest zu den eindringlichsten und stärksten Lyrikerscheinungen der letzten Jahre, gerade weil hier eine aufgewühlte, eine aufwühlende Sprache am Werk ist, die gleichzeitig die Brüchigkeit ihrer Bildhaftigkeit, ihrer Assoziationsketten thematisiert und diese „risse im kostüm“ nicht kaschiert, sondern in den Mittelpunkt rückt und ausleuchtet. Das Vorhaben der Autorin, Raum zu schaffen „für Widersprüchliches, Unlogisches, Irrationales, Verletzliches, Verletztes, Gebrochenes und Brechendes“, wie sie sagt, ist mehr als nur geglückt.

Dank an Martin Peichl (Fotos ©Martin Peichl). Hier gehts zum Gespräch von Martin Peichl mit Alke Stachler.

  • Alke Stachler: geliebtes biest. Salzburg: edition mosaik 2019. 64 Seiten, Hardcover, Fadenbindung. 148 × 105 × 5 mm. 10 Euro

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