Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge (Faber & Faber)

Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge. Was für ein Titel, was für ein Buch! Es ist ein Schmaus, ein Hochgenuss, Anregung und Aufforderung, Anleitung zum Denken und Hinterfragen, zum Sicheinlassen auf Worte, Vergangenes, ein in Frage stellen von Gewohnheiten und der ganzen Welt. Sechzehn Essays über Entferntes und Naheliegendes, garniert mit wundervollen Zeichnungen.

Gilbert Keith Chesterton (1874–1936) ist vor allem durch seine Kriminalromane um die Figur Pater Brown bekannt, doch er schrieb weit mehr als diese beliebten Geschichten. Mit Anfang zwanzig begann er Kunst- und Literaturkritiken zu verfassen, später erhielt er Kolumnen in diversen Tageszeitungen. Daneben verfasste er Biografien, Gedichte und sehr viele Essays – unter anderem jene, die nun in diesem schön ausgestatteten Band aus dem Verlag Faber & Faber vorliegen.

Der Künstler Egbert Herfurth ist ein versierter Illustrator, der für dieses Buch eine liebenswerte Figur entworfen hat, die jedes Kapitel eröffnet: eine Art Kellner, gekleidet in rote Kniehosen, weiße Strümpfe und Schnallenschuhe, gestreifte Weste. Er präsentiert das Thema des Essays mit Dingen, die ihn umgeben, oder durch seine Körperhaltung. Das sind schöne Einstimmungen auf das, was die LeserInnen erwartet.

In den Essays von unverkennbar englischem Humor spricht Chesterton über die Literatur und deren erzieherische Funktion, über die Vielfalt der Welt (sie ist tragisch, romantisch, religiös und unsinnig!), über den Schmerz und die Freude an der Kunst und des Denkens, über die aus der Antike kommende Tradition des Schönheitsempfindens, die doch sehr einengend ist, über die Frage der Perspektive bei der Beurteilung von Größe, über unverbindliches Tun und die moderne Angst vor Verantwortung – die Aufzählung könnte fortgesetzt werden.

Aber man muss die Texte lesen, denn der Zauber liegt ja in der Ausführung und der Präsentation der Gedanken. Deren Bandbreite ist freilich größer, als sie sich in ein paar Zitaten fassen lässt.

Die folgenden Worte stammen aus dem Essay „Verteidigung von Gerippen“. Chesterton spricht darin ganz charmant gleich mehrere Themen an, vorgetragen mit einem Augenzwinkern.

Die Wahrheit ist, dass des Menschen Entsetzen vor dem Gerippe durchaus nicht das Entsetzen vor dem Tod ist. Es ist des Menschen ungewöhnlicher Ruhm, dass er, allgemein gesprochen, gar nichts gegen das Totsein hat, aber sehr ernstlich dagegen protestiert, ohne Würde zu sein. Und das Wesentliche, das ihn am Gerippe quält, ist die Mahnung, dass der Grundriss seiner Erscheinung schamlos grotesk ist.

Ein Essay in eigener Sache ist der Text „Verteidigung von Detektivgeschichten“. Dort ist zu lesen:

Der wesentliche Hauptwert der Detektivgeschichte liegt darin, dass sie die früheste und einzige Form populärer Literatur ist, in der sich etwas Sinn für die Poesie modernen Lebens geltend macht. (…) Eine ungefeilte, volkstümliche Literatur aus den romantischen Möglichkeiten der modernen Stadt musste aufkommen. Sie ist mit den populären Detektivgeschichten erstanden, so urwüchsig und erfrischend wie die Balladen von Robin Hood.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum ewigen Thema der Literatur: der Liebe.

Denn das erste aller Kennzeichen der Liebe ist Ernst: Liebe wird nicht Lügenberichte oder den leeren Sieg der Worte anerkennen. Sie wird immer den aufrichtigsten Ratgeber als den besten schätzen. Liebe wird zur Wahrheit hingezogen durch den sicheren Magnetismus des Schmerzes …

Diese Sätze finden sich jedoch in der „Verteidigung des Patriotismus“ und werfen ein ganz anderes Licht auf einen Begriff, der sehr in Misskredit geraten ist, den man eigentlich gar nicht mehr denken will. Er wendet sich gegen hohles Geschrei, gegen den Aufruf zu Gehorsam, er ist ein Plädoyer für Vernunft, Großzügigkeit und Liebe.

Wie das ganze Büchlein! Großes Lesevergnügen!

Dank an Petra Lohrmann

  • Gilbert Keith Chesterton: Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer mißachteter Dinge. Aus dem Englischen von Franz Blei. Mit 25 farbigen Illustrationen von Egbert Herfurth. Leipzig: Faber & Faber Verlag 2020. 144 Seiten, Leinenband. 24 Euro

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