Volha Hapeyeva: Mutantengarten (Edition Thanhäuser)

Teile ausschneiden und zusammenfügen oder: Landkarten von dem, was geschieht (Notizen zu Volha Hapeyevas Mutantengarten)

Bereits auf den ersten Blick besticht Volha Hapeyevas Lyrikband Mutantengarten durch seine schöne, hochwertige Gestaltung. Das 2020 in der Edition Thanhäuser erschienene Buch ist eines, das man angreifen möchte, außen wie innen. Federzeichnungen von Christian Thanhäuser und die darauf angedeuteten Landschaften schmücken den Platz zwischen den von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf übersetzten Gedichten der belarussischen Autorin. Letztendlich sind aber ihre Texte das eigentliche Highlight – umso schöner, dass sie eine derart liebevoll eingerichtete Bühne bekommen. Vielschichtig und sprachlich souverän arbeitet Hapeyeva an einem „großen Wörterbuch der Einsamkeit“ (Matthias Göritz). Die vermeintlich kleinen Dinge bekommen in ihren Gedichten genauso viel Aufmerksamkeit wie die großen. Es handelt sich um Texte, die lange nachwirken, die nach dem Lesen kleben bleiben, „wie an einer windschutzscheibe“.

Viele der Gedichte sind zwischen Erinnern und Vergessen angesiedelt, zwei Prozesse, die in Mutantengarten eng miteinander verknüpft sind, sich nicht automatisch gegenseitig ausschließen. Das lyrische Ich hebt „jede erinnerung auf / wie das haar von der schulter des mantels / von dem ich nicht mehr weiß / wessen“, fühlt sich selbst dabei wie eine „halb vergessene grammatikregel“. Erinnerungen bekommen die Eigenschaften eines Virus, „der den organismus mit traurigkeit durchdringt“.

Eines der zentralen Themen ist – wie bereits angedeutet – Einsamkeit beziehungsweise das Bedürfnis, nicht alleine zu sein „im wald aus abgeholzten menschen“. Das herbeigesehnte Gegenüber wird mit einem Museum verglichen, in dem das lyrische Ich „nichts anfassen darf“: „vielleicht fühlt sich ein clown so ähnlich / wenn das publikum verschwindet“. Das Herz, heißt es an anderer Stelle, regeneriert sich langsamer als andere Organe, „ein volles update / gelingt nie / sagt die gebrauchsanweisung“. In Hapeyevas Texten geht es immer auch um Verschleiß, um emotionalen wie körperlichen, und im besten Fall löst sich der andere „zu einer sehr heilsamen tablette auf“.

Mit diesem Gefühl der Einsamkeit eng verwoben ist das Gefühl der Heimatlosigkeit. Das Zuhause „hat keine feste anschrift / womöglich ist das die störung / die das sichere weiterfliegen / hindert“. Das lyrische Ich als aus der Umlaufbahn geratener Trabant, „bin kein planet mehr wie pluto“, folglich geht es um Statusverlust, der wiederum oft mit dem Verlust der eigenen Sprache zu tun hat: „ich spreche die sprachen anderer leute“. Wenn Hapeyeva in ihren Gedichten über Sprache schreibt, dann immer auch über die damit einhergehenden Machtstrukturen. Schweigen, notiert sie, „ist das aufstellen von zäunen und du wirst bewacht“, Schweigen „streicht von der liste der lebenden“. Und am Ende bleibt die Frage: „einen totenschein – wie übersetzt man den richtig?“

In einer der zentralen Passagen in Mutantengarten offenbart sich vielleicht auch die versteckte Poetologie der Autorin: „der verlust der dinge ist vorbereitung / auf das fortgehen der menschen“. Beziehungen werden in ihren Gedichten vor allem anhand von Verlusterfahrungen skizziert, mittels unüberwindbarer Gegensätze: „der eine glaubt an anziehung / der andere glaubt an gebete“. Was auf den ersten Blick wie ein sehr pessimistischer Zugang erscheinen mag, bekommt durch Hapeyevas sprachliche Vielseitigkeit aber auch eine komische Qualität: „mag sein jemand findet endlich den richtigen / oder lässt es sein oder bekommt einen tag frei / von der plackerei jemanden zu lieben“. Das nüchterne Fazit des lyrischen Ichs, das sich nicht nur auf das Thema Liebe anwenden lässt: „was einem wie mangel erscheint / ist für den anderen überflüssig“.

Es sind wichtige Themen, die in Hapeyevas Mutantengarten verhandelt werden, keine Frage, aber es ist vor allem die Sprache, die diesen Gedichtband zu einem besonderen Leseerlebnis macht – ohne Zweifel auch ein Verdienst der Übersetzer*innen. Die Autorin beherrscht verschiedene Modi und changiert spielerisch leicht zwischen diesen Aggregatszuständen. Stellenweise klingen die Texte fragil, dann wieder robust und unzerstörbar, manchmal bewegen sie sich gefährlich nah am Kitsch, kurz bevor wieder ein nüchterner, pragmatischer Ton angestimmt wird. Und an keiner Stelle muss auf große sprachliche Gesten zurückgegriffen werden, um effektvoll etwas vorzutäuschen, was die Gedichte nicht hergeben. Mutantengarten ist ein Buch, in dem man auch nach dem zweiten oder dritten Mal Lesen noch neue Schichten entdecken und freilegen kann, und eine schöne Einladung, sich darüber hinaus mit dem restlichen Lyrikprogramm der Edition Thanhäuser auseinanderzusetzen!

Dank an Martin Peichl (Fotos © Martin Peichl)

  • Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte, aus dem Belarussischen übersetzt von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf. Mit einem Nachwort von Matthias Göritz. Mit 15 Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Ottensheim: Edition Thanhäuser 2020. 140 Seiten, Fadenheftung. 24 Euro.

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