Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont (Dörlemann Verlag)

Menschen in einem Hotel sind gewöhnlich Reisende, Entdecker, Zugvögel. Im Claremont aus Elizabeth Taylors Roman Mrs Palfrey im Claremont leben aber auch ein paar Dauergäste, ältere Damen und ein Herr, die nicht mehr zu Hause wohnen können. Deren Zuhause das Hotel ist, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Es wirbt mit günstigen Preisen und hervorragendem Essen – Letzteres vor allem ist zweifelhaft. Der Speiseplan, der täglich ausgiebig studiert wird, ist nicht das einzige wenig Abwechslungsreiche im Claremont.

Die Dauergäste sind die trinkfreudige Mrs Burton, die ewig unsichere Mrs Post, die herablassende Mrs Arbuthnot und der ständig mürrische Leserbriefe schreibende Mr Osmond. Zu diesen stößt Mrs Laura Palfrey.

Sie war eine hochgewachsene Frau mit großen Knochen und einem feinen Gesicht, dunklen Augenbrauen und säuberlich gefaltetem Doppelkinn. Sie hätte einen vornehmen Mann abgegeben, und manchmal, in Abendgarderobe, sah sie aus wie irgendein berühmter General in Frauenkleidern.

Vielleicht ist es ihre maskuline Erscheinung, die ihr die Sympathie Mr Osmonds einbringt, der sich stets darüber beklagt, der einzige Mann zu sein. Mit ihm wird Mrs Palfrey eines der wenigen Abenteuer erleben, die außerhalb des Hotels stattfinden. Denn der große Teil des Romans spielt nach Art eines Kammerstücks im Aufenthaltsraum oder der Bar.

Ein Sturz beim Spaziergang bringt Mrs Palfrey die Bekanntschaft eines jungen Mannes. Ludovic, genannt Ludo, hilft ihr auf, und eine vorsichtige, vor allem ihrerseits von vielen Gefühlen begleitete Freundschaft entsteht. Ihr kommt der junge Mann vor allem deshalb gelegen, weil sie diesen Zufallsfund als ihren Enkel präsentieren kann. Im Hotel ist es sehr wichtig und hebt das Ansehen ungemein, wenn man Besuch vorweisen kann. Angehörige, die sich sehen lassen, einen abholen für einen Ausflug, ein wenig Abwechslung für alle bringen, denn hinterher kann man herrlich über diese Besucher reden.

Der Auftritt Ludos als Enkel gelingt trefflich. Aber auch er profitiert von dieser Bekanntschaft, denn er ist Schriftsteller. Ständig macht er sich Notizen, und so wird Mrs Palfrey ohne es zu ahnen zu einer Inspiration für seinen Roman. Sie hat ihm sogar den Titel geliefert: „Sterben ließ man sie dort nicht.

Elizabeth Taylor (1912–1975) schreibt über die Tücken und Beschwernisse des Alters, über Einsamkeit, schwindende Freiheit, körperliche Beschwerden, jedoch ohne Rührseligkeit, vor allem ohne jemanden bloßzustellen. Mit feinstem und bestem englischen Humor wendet sie sich Themen zu, die nicht unbedingt als attraktiv gelten. Doch bis in die kleineste Formulierung hinein – hier sei auch die Übersetzerin Bettina Abarbanell lobend erwähnt – hat sie Stil. So kommt der Fahrstuhl „herabgejammert“, das Claremont ist „wie eine eingeschränkte und ausgetrocknete Schulwelt“.

Mrs Post stellt einmal fest: „Da sitzt doch eine Hexe in der Uhr und hält sie auf.“ Oder: „Ihr Kopf war wie eine Laterna magica, in die geräuschvoll ein Dia nach dem anderen hineingesteckt wurde.“ Nach Ludos Besuch denkt Mrs Arbuthnot: „Mrs Palfrey ist ein Pferd, auf das keiner gewettet hat.“ Plastisch, bilderreich, hintergründig, ironisch – und dabei sehr den Figuren zugewandt.

Schön in den Erzählfluss eingearbeitet sind die Geschichten von Ludos Freundin und seiner Mutter, desgleichen die Andeutungen zum Lebensstil von Mrs Palfreys Tochter – sie geben dem Roman eine zusätzliche Weite, verschränken sich aber gekonnt mit dem Leben im Hotel.

Als Bindeglied zwischen Jane Austen und John Updike wurde Elizabeth Taylor bezeichnet – fest steht, sie ist eine Autorin, die es außerhalb ihrer Heimat noch zu entdecken gilt. Mrs Palfrey im Claremont ist seit 2011 bereits der vierte Roman der in ihrem Züricher Hausverlag Dörlemann in deutscher Übersetzung erscheint. Elizabeth Taylor ist nicht nur eine Entdeckung, sondern auch eine echte Bereicherung

Dank an Petra Lohrmann (Foto No-longer-her)

  • Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey im Claremont. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Mit einem Nachwort von Rainer Moritz. Zürich: Dörlemann Verlag 2021. 256 Seiten, Leinen. 25 Euro.

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