Tarjei Vesaas: Die Vögel (Guggolz Verlag)

Tarjei Vesaas (1897–1970) gilt mit seiner Lyrik, Dramatik und mit seinen Romanen als skandinavischer Klassiker, er wurde mehrmals für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen und ist dennoch kaum über Norwegen hinaus bekannt, erst vor wenigen Jahren erschienen Übersetzungen u. a. ins Englische. Als 2019 Norwegen Gastland bei der Frankfurter Buchmesse war, brachte der Berliner Guggolz Verlag Vesaas’ von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzten Roman Das Eis-Schloss heraus, im Jahr darauf folgte vom selben Übersetzer Vesaas’ ursprünglich 1957 erschienener Roman Die Vögel.

Der erste (und wichtigste) Vogel in diesem existenziellen Roman über den Außenseiter Mattis ist die Waldschnepfe, ein scheuer Einzelgänger, eine monotypische Art übrigens innerhalb der Schnepfen, und damit Mattis nahe, ähnlich, vielleicht sogar seelenverwandt. Der Balzflug der Waldschnepfe (Schnepfenstrich) führt diese dreimal über das Haus am Rand eines kleinen Dorfes in der norwegischen Provinz, in dem Mattis mit seiner Schwester ein karges Leben führt – bemerkenswert, wie karg und arm das norwegische Landleben vor wenig mehr als fünfzig Jahren noch sein konnte. Die Begegnung mit dem Vogel ist eine schicksalhafte Initiation, Beginn einer unausweichlichen Veränderung, denn der Vogel hat Botschaften für den, der sie aufnehmen kann.

Die anderen im Dorf nennen Mattis den „Dussel“, er ist anders als die „Klugen und Schnellen“, wie er selbst die ländliche Bevölkerung bezeichnet, die Arbeitenden und die Menschen, die in der Region Ferien machen. Auch er soll zum spärlichen Familieneinkommen beitragen, aber einfache Arbeit, Arbeit überhaupt, ist ihm kaum möglich. Es liegt an den Bildern, die er im Kopf hat, und daran, dass er seine Wahrnehmung (poetisch und poetisierend) den Menschen nicht mitteilen kann. Er versteht klar und deutlich die Sprache der Vögel, aber jene der Menschen ist ihm nicht zugänglich. Es liegt auch am Tempo, an der (unmöglichen) Verwertbarkeit eines Tagwerks, das ihn von den anderen separiert. Was Mattis sieht – vor seinem inneren Auge, aber auch in der Natur –, ist für ihn explosiv und hält ihn von einem „normalen“ Leben ab. Bezeichnend und enigmatisch ist seine kindliche und existenzielle Angst vor dem Gewitter. Nicht die genialische Künstlerfigur wird hier gefeiert, sondern der Kind gebliebene Dichter, der keine Mittel hat, seine Innenwelt zu übersetzen.

Mattis und seine Schwester sind in der Mitte ihres Lebens, sie verkörpert die Pflicht, übernimmt für ihn auch die Mutterrolle, er den Müßiggang (von den Geschlechterzuteilungen durchaus in der Zeit verhaftet); die Vierzigjährige bekommt ihre ersten grauen Haare (man könnte die Entwicklung, die die beiden durchlaufen, durchaus heutig als spätes Erwachsenwerden lesen), aber bald tritt ein Mann in ihr Leben, dessen Anwesenheit die geschwisterliche Einigkeit und Einheit, das Immergleiche bedroht. Mattis weiß, dass er ohne seine Schwester nicht sein kann, von ihr verlassen zu werden, ist seine große Angst, die sich darin materialisiert, wie die Schwester mit dem neuen Mann an ihrer Seite versucht, ihn zur Selbstständigkeit zu ermuntern. Dass die Schwester bisher dem eigenen Glück entsagte, interessiert das Kind Mattis, das nur den Verlust, die dräuende Vertriebenheit sieht, nicht.

Motive der Moderne (ein anderer werden) und auch Kritik an ihr (Mechanisierung in Verkehr und Arbeit) ziehen sich durch den Roman, der durch Wildheit und Klarheit in der Sprache gleichermaßen besticht und in seinen Bann zieht, dessen Schönheit und Schlichtheit (in der Vermittlung, wahrscheinlich ist hier auch die Übersetzung zu loben) lange nicht gelesenen Trost schenkt. Auch die finale Hingabe an die Natur, das sich Aussetzen dessen, der sich von seiner Schwester (der äußeren Welt) verlassen glaubt, kann als Kritik an der Moderne gelesen werden. Zwar ist der Ton karg und zurückhaltend lyrisch, zugleich wird die innere Dramatik in der Romanhandlung so sehr spürbar, dass man immer wieder ins Staunen kommt, wie sehr die Angst vor dem letzten Gewitter einen packt.

Vesaas hat einen großen Roman über die Liebe und über die Sprache und über deren Unmöglichkeit in der reinsten oder absoluten Form geschrieben, der vielleicht schon zum ersten Erscheinen im besten Sinn aus der Zeit gefallen war und es heute wiederum ist, auf eine sehr zeitgenössische Weise, und vielleicht berühren uns Die Vögel auch deshalb so sehr, weil wir alle wie Mattis immer auch Außenseiter sind.

Dank an Angelika Reitzer (Foto Einar Storsul)

  • Tarjei Vesaas: Die Vögel. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Nachwort von Judith Hermann. Berlin: Guggolz Verlag 2020. 279 Seiten, gebunden. 23 Euro

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