Michèle Minelli: Kapitulation (lectorbooks)

Adrienne, die in ihrem langen Berufsleben unter anderem den Vorsitz einer Stiftung innehatte, möchte nun nach achtzehn Jahren die Stipendiatinnen des ersten Jahrgangs wieder versammeln. Sie verschickt Einladungen an vier Künstlerinnen, ihre Masseurin Yvonne bittet sie spontan zu diesem Treffen. Aus den Leben dieser sechs Frauen ist der Roman Kapitulation gewebt, der druckfrisch bei lectorbooks erschienen ist. Er wirft einen konsequent feministischen Blick auf die Welt.

Im ersten Teil beleuchtet die Schweizer Autorin und Filmschaffende Michèle Minelli (geb. 1968) die Gegenwart der beiden Schriftstellerinnen Chloé und Kristy, beide Mitte fünfzig, der Aktionskünstlerin Aina, fünfunddreißig, und der ehemaligen Bratschistin Brigitte, vierzig. Diese hat die Musik aufgegeben und arbeitet inzwischen als Biologin in einem Zoo.

Alle Frauen haben mit den gleichen Problemen zu kämpfen: dem Unsichtbarwerden ab einem gewissen Alter, den frauenfeindlichen, ungeschriebenen, aber kaum aufzuweichenden Regeln des Kunstmarkts bzw. der Museumspolitik, den überall herrschenden hierarchischen Strukturen. Hinzu kommen die privaten Schwierigkeiten mit Ehemännern, Ex-Männern, Müttern oder Vätern, die ausbleibende Inspiration, das Gefühl, nicht das erreicht zu haben, wovon die Frauen träumten, als sie jung waren. Ebenso verbindet alle das Thema Kontrolle, der sie ausgesetzt sind. Diese wird entweder durch einen nahe stehenden Menschen ausgeübt oder durch die die Gesellschaft.

Während der zweite Teil des Romans die Frauen in ihrem weiteren Umfeld oder ihrer Familie zeigt, findet im dritten Teil das Treffen statt. Jetzt landet das ganze Patriarchat auf dem Tisch. Waren bislang die feministischen Thesen der Autorin in die Geschichten der einzelnen Frauen eingearbeitet, zwischen denen sie rasant hin- und herspringt, liest sich ihre Unterhaltung nun eher wie ein Manifest. Das ist interessant, aber stellenweise auch phrasenhaft – Statistiken, die verschiedenen Ansätze innerhalb der Frauenbewegung, die Gender- und Generationendebatte, Rassismus und Kinderwunsch oder unerwünschte Schwangerschaften. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Eine interessante Rolle nimmt hier Yvonne ein, die ein ganz anderes Leben führt als die ehemaligen Stipendiatinnen. Sie nimmt die Welt aus einer anderen Perspektive in den Blick, ihrem Lebensfazit können sich jedoch alle anschließen:

In diesem System von Misogynie zu einem gerechten Leben mit gerecht verteilten Aufgaben zu gelangen, ist wie der Versuch, Quittenmousse an die Wand zu nageln.

Im Verlauf des Treffens kommt die verrückte Idee auf, wie man wirklich etwas ändern und der endgültigen Kapitulation entgehen könnte. Diese Idee ist riskant, wiewohl auch den überkochenden Emotionen und dem zunehmenden Alkoholkonsum geschuldet, und nur eine der Frauen hält an ihr fest. Sie plant eine große Aktion, der Einsatz ist ihr Leben.

Der temporeiche Roman schwankt einerseits zwischen den eindrücklichen Zeichnungen von Menschen, denen man als Leserin nahe kommt und der den Finger in die vielen Wunden legt. Das ist lesenswert und öffnet die Augen für Missstände. Andererseits wirken die Aussagen der Frauen stellenweise sehr schablonenhaft. Beispielsweise: „Ich glaube ja, die Rücksichtslosigkeit ist von Männern gemacht“, oder „Die Guten unter den Männern haben sich noch nicht emanzipiert“. Es fällt schwer, die Wortwechsel der Frauen bei ihrem Treffen als Gespräch zu bezeichnen, es sind eher Statements, die hier geäußert werden. Der Roman verliert dadurch seinen Erzählfluss, er gleicht einem Zeitungsartikel. Er ist in meinen Augen überfrachtet, denn es musste auch noch die Tierquälerei hinein, die Transformation eines Kindes von Maximilian zu Gretchen, der Frauen verachtende Großschriftsteller und anderes mehr.

Die Männer sind mehr Typen als Individuen. So Yvonnes Mann, ein erfolgreicher Manager, der sich in ein Burnout geflüchtet hat. Oder der Moderator einer Talkshow, der Chloé, die dort als Quotenfrau sitzt, ihre Gefühle erklärt:

Ich glaube ja viel eher, dass es Ihnen und den Frauen unserer Gesellschaft überhaupt einfach schwerfällt zuzugeben, dass man eben doch optimistisch ist, dass man eben doch glücklich ist und zufrieden, stimmt’s? Es macht einfach Spaß, solche Sachen zu behaupten wie: Ich bin ein Pessimist. Aber das ist völlig unausgegoren. Das muss man sagen.

Etwas mehr sprachliche Raffinesse hätte dem Roman gutgetan. Und am Ende etwas mehr Realismus, denn hier agiert ein Kind derart souverän, dass es ans Märchenhafte grenzt, was zu dem Roman nicht passt.

Dank an Petra Lohrmann

  • Michèle Minelli: Kapitulation. Zürich: lectorbooks 2021. 320 Seiten. 29 CHF/22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

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