Barbara Kadletz: Im Ruin (Edition Atelier)

Der Zufall hat Katharina zu ihrem eigenen Lokal gebracht, dem „Ruin“. Ein Name, mit dem das Unglück assoziiert, das Glück herausfordert wird. Es war auch Davids Ruin, aber der ist nicht mehr da. Es könnte so eine Art Eckkneipe sein, äußerlich unauffällig, vielleicht charmant-schäbig, mit überschaubarem Gastraum. Das Gewächs eines Stadtviertels der „lieben Wiener Stadt“, an den Rändern gelegen, warmherziger, sicherer Hort für Stammgäste – und Hineinstolpernde. Jede und jeder ist hier willkommen. Also fast ein Allerweltsladen, denn wie überall kommt es auf die Seele, das Inventar und die Atmosphäre an, so auch im Debütroman Im Ruin der Wiener Buchhändlerin Barbara Kadletz, erschienen dieses Frühjahr in der Edition Atelier. Es wird eine „seltsame Mischung“ beschrieben, eher dunkel, altmodisch und samtig: Es gibt eine Theke mit dem obligatorischen Thekensitzer und Dampfplauderer Max, ein biedermeierliches „Couchungetüm“, Beleuchtung aus den Fünfzigern, Bücher, Bücher, Blumendeko. Dauerbeschallung durch exquisite Musik – über Jukebox und Plattenspieler –, bester Kaffee und Abendfrühstück runden das Angebot ab. Die namenlosen Existenzen im Ruin, die „Ruiner“, sind Gestalten der Nacht, geschlossen wird zu später Stunde.
Neben der 33-jährigen Besitzerin ist die trinkfeste Kellnerin Sabina, eine „aparte Schönheit“, Teil des Ruin-Ensembles. Katharina und sie sind ein funktionierendes, vertrautes Freundinnen-Team. Leicht arbeitsüberlastet vielleicht, oberflächlich fidel, um die Leerstelle David sich bewegend.
Der neue, gehetzt wirkende Gast Ari mit Hipsterbart fällt zunächst gar nicht auf. Mit Beginn des Buches und für die folgenden Monate wird er so gut wie allabendlich in der Nische Platz nehmen und mit seiner mysteriösen Ausstrahlung die Kneipenstatik gehörig aus dem fragilen Gleichgewicht bringen. Kaum sind wenige Seiten gelesen, ist die Dichte der Andeutungen bereits enorm. Von Aris Panik und Flucht in die ihm fremde Stadt ist die Rede, von den alten Sagen, von Davids Verschwinden, von Katharinas Erschöpfung und Düsterheit.

„Früher war sie die Wirtin, die nicht genug bekommen konnte von den Geschichten ihrer Gäste. Einen regelrechten Menschenhunger hatte sie gehabt (…) Aber eigentlich war sie pappsatt.“

Es ist klar, Kadletz legt ihre Fährten überdeutlich aus, irgendetwas ist hier unbearbeitet, wird hinter den Fassaden verschwiegen. Ari wird auch nicht ohne Grund nur nachts und versteckt unter einer Kapuze als moderner Odysseus unterwegs sein. Auch mit Sabina scheint etwas nicht zu stimmen. Eine heitere Melancholie und Müdigkeit liegen über dem Setting, selbst die Gassen sind öfters müde oder die Essensreste.
Nach dem überstürzten Einstieg nimmt die Autorin nun bedächtiger die Erzählfäden in die Hand, gilt es doch aus wechselnder (Innen-)Perspektive in die Lebenssituationen vor allem von Katharina und Ari einzutauchen und diese zunehmend miteinander zu verschlingen. Mit Einfühlungsvermögen nähert sie sich den Charakteren, streut Informationen peu à peu. Erzähltechnisch knifflig, so ein Versteckspiel, wer oder was Ari ist, wird tatsächlich erst am Schluss des Romans aufgelöst. Aber was heißt das schon, wer man ist. Im Ruin spielt es keine Rolle. Kurios ist nur, dass Ari selbst in seinen Reflexionen um den heißen Brei herumdenkt. Gegenüber dem Ruin-Personal belässt er es bei „kryptischen Andeutungen“. So wird manchmal viel und schön geredet und wiederholt, aber wenig gesagt.

„Ich habe bis vor Kurzem für eine Sache gelebt, die mir abhandengekommen ist. Und jetzt lebe ich dafür, dass sie zu mir zurückkehrt.“

Ari, ebenfalls 33, ist aus seinem fremdbestimmten Leben, das ihm den Schlaf raubt, abgehauen, ganz arschlochmäßig. Jetzt ist er „überfordert von seiner Freiheit, überfordert von sich selbst. Die Tage, die so köstlich vor ihm gelegen hatten, glotzten ihn plötzlich feindselig an.“ So durchstreift er, Kadletz mag neben bemüht wirkenden Wortkompositionen überstarke, bildhafte Wörter wie pflügen und fräsen, als bei seinen „Bezirksdurchpflügungen“ die Gegend immer Richtung Ruin, beginnt Literatur zu lesen, geht ins Kino. Er ist, wie so viele, ein Suchender.

Dass Katharinas große Liebe David tot ist, tut immer noch weh. Katharina hat sich eingekapselt in ihrer Trauer, „in Watte gepackte Beleidspower“ hilft ihr nicht. Sie versucht sich an das David gegebene Versprechen zu halten, der „Welt nicht abhandenzukommen“. Nicht einfach. Schlaglichtartig werden ihre Liebesgeschichte und Davids Sterben in Kursivschreibung in die Haupterzählung montiert, meist assoziativ. Das so in Katharina Verschlossene aufzubrechen, ist gut gemacht.

Die zufälligen Begegnungen von Ari und Katharina außerhalb des Ruins häufen sich, ihr Austausch wird intensiver. Es ist wie ein gegenseitiges Erkennen, ihre Schicksale scheinen sich zu spiegeln. „Schweigend genossen sie die stille Gegenwart des anderen.“ Frei von Reibung ist dies keineswegs, ist dann noch Alkohol im Spiel, ist beider Schlagabtausch hochemotional – eine Stärke ist es von Kadletz, die Figuren in ihrer Verletzlichkeit und Angst zu zeigen. Überhaupt legt sie auf die lebhafte Gestaltung ihrer Dialoge viel Aufmerksamkeit: Sie reichen von zitathaft, ernst, witzig bis zum „ironischen Geplänkelmodus“.
Eine durchzechte Nacht führt dazu, dass Ari endlich schlafen kann, tagelang. Zunehmend fühlt er sich zerrissen: „Er hatte sich zu einem Geist gemacht, und in diesem Vakuum saß er jetzt fest.“ Auch bei Katharina vollzieht sich eine Wandlung, ein Grippevirus bricht die letzten Dämme. Längst aber war ihr bei dem ganzen Gekreise um sich selbst Sabina wiederum abhandengekommen.

Barbara Kadletz schreibt davon, unterhaltsam und herzgewinnend, dass es für den Schmerz immer einen Ort und Menschen gibt, wo dieser aufgehoben ist. In dem es für Trauer, Selbstverlust und Selbstfindung eine Sprache gibt. Und dass Irrfahrten zum Leben gehören und die beste Voraussetzung für das Weiterleben und die Rückkehr zu sich selbst sind.

Senta Wagner (Fotodank an blitzmaerker)

  • Barbara Kadletz: Im Ruin. Wien: Edition Atelier 2021. 224 Seiten, gebunden. 22 Euro

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