Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte (ELIF VERLAG)

Zwei Lupen zieren den Umschlag des Buches, ausgeschnittene Kreise, durch die man greifen kann. Das passt zum neuen Gedichtband der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir, der jetzt in deutscher Übersetzung im ELIF VERLAG erschienen ist. Die Dichterin schaut wie durch Vergrößerungsgläser auf die Welt der Vergangenheit und der Gegenwart, der Frauen und Männer, sie legt den Finger in die Wunden.

Der Band hat fünf Kapitel, jedes stellt einen thematischer Zyklus dar. Der Auftakt ist eine Arbeit anlässlich des isländischen Nationalfeiertages am 17. Juli. An diesem Tag wird mit einem Gedicht der Bergfrau, Symbol der isländischen Dichtung, gedacht.
Linda Vilhjálmsdóttir fordert darin, die Bergfrauen nicht „auf den sockel zu stellen“, sie ruft den Frauen zu, selbst „hinunter auf den platz“ zu strömen. Spricht sie zunächst allgemein, kommt sie schnell zu einem „wir“: Sie wendet sich damit an alle Frauen, die Teil haben wollen am Leben und nicht auf einem Beobachtungsposten schweben und von oben darauf herabblicken. Das ist eine dezidierte Aufforderung als Einstieg in einen Gedichtzyklus, der kundtut: Wir sind hier, wir sind lebendig! Ob feine Damen, zurückhaltende Bürgerinnen oder „die schlampen“, es betrifft alle, für jede Einzelne geht es um Aneignung und Deutungshoheit, um Unabhängigkeit und Souveränität.

Ohne Umschweife, ohne sprachliche Verzierungen, glasklar sind die Gedichte Linda Vilhjálmsdóttirs. Das gibt ihnen eine unglaubliche Tiefe, es ist, als würde man mit einer Lupe ins Wasser schauen und das vielfältige Leben dort entdecken.

Im ersten Teil betritt ein in der Poesie lebendes Ich die Bühne. Es spricht eine Vielzahl von Themen an, ein jedes ist existenziell: Schönheit, Vollkommenheit, Scham, Trauer und Kampf, Gebären, Angst, „zerfleddertes“ Selbstwertgefühl und andere mehr.

Der zweite Teil ist eine Aussprache. „manchmal fühle ich mich“, so beginnt jeder dieser Vierzeiler, gefolgt von einem Begriff, der sofort Assoziationen weckt. Das kann eine „legehenne“ sein oder eine „zuchtsau“, ein „polnischer leiharbeiter“, ein „unnützer alter“ oder eine „frau in einem pflegeberuf“. Vilhjálmsdóttir nutzt sehr geschickt diese Vergleiche, die mit einem Wort eine ganze Welt bezeichnen und den Gedichten große Wucht verleihen.

Ein eigener, überaus beeindruckender Gedichtzyklus ist den Vorfahrinnen gewidmet. Er gleicht einem Gespräch über Generationen hinweg, er erzählt von „knechtschaft“, Verlust und „nimmerendenden sorgen“. Dies alles jedoch in einer kraftvollen Sprache, die protokolliert, notiert, was im scheinbar Kleingedruckten des Lebens steht.

Auf außerordentliche Weise unterlegt die Dichterin ihren eher nüchternen Stil mit einem vielschichtigen Bedeutungsgeflecht, aus dem bei jeder Lektüre ein anderer Aspekt aufscheint. Ihre Gedichte sind plastisch erzählte Geschichten, die Figuren sehr lebendig, die Geschehnisse im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet.

Das letzte Gedicht ist ein versöhnliches. Ein Ich, das sich als Glied einer Kette sieht, eine Frau „in den mittleren jahren“, die gerne das von ihrer Großmutter Begonnene fortführen möchte, die ihre Sehnsucht nach Zukunft nicht verschweigt.

Wie auch die anderen übersetzten Gedichtbände aus dem ELIF VERLAG ist dieses zweisprachig ediert. Ich kann kein Isländisch und keine andere nordische Sprache, doch die Gedichte parallel lesen zu können, sich den Klang der fremden Worte vorzustellen, ist eine wunderbare Sache. Das Übersetzerduo Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer hat sie wie auch schon Vilhjálmsdóttirs Vorgängerband Freiheit (2015) gekonnt ins Deutsche übertragen, mit Verstand und Gefühl hineingetragen in einen adäquaten Rhythmus und in sprechende Bilder.

eins og ég sé pig núna

í mildara ljósi sjálfstraustsins

wie ich dich jetzt sehe

im milderen licht des selbstvertrauens

Das ist Poesie pur. Und eine Lebensaufgabe. Auch daran erinnern die Gedichte.

Dank an Petra Lohrmann

  • Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte. Aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Nettetal: ELIF VERLAG 2021. 110 Seiten, gebunden. 20 Euro

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