Raoul Eisele: einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt (Verlag Schiler & Mücke)

Das muss man sich erstmal trauen, heutzutage, in der sogenannten Spätmoderne: dermaßen ungeschützt und offen – selbst im Fiktionalen ist und bleibt das ein Wagnis – gefühlvoll und melancholisch, „öffentlich liebend“ zu schreiben, wie es der österreichische Schriftsteller Raoul Eisele (geb. 1991) tut in seinem zweiten Lyrikband einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt, kürzlich erschienen im Berliner Verlag Schiler & Mücke. Gleich dem zweiten Gedicht stellt Eisele, der 2017 mit dem Gedichtband morgen glätten wir träume in der Wiener Edition Yara debütierte, ein Zitat von Else Lasker-Schüler voran, ein Dichter wird nicht zuletzt dadurch / definiert, dass er öffentlich liebt.

als du gingst, zerbrach der Mond kein Licht / nur schwarze Nacht und alles Finstergewächs – solche Verse findet man in vielen Gedichten, die sich unverhohlen um Emotionen drehen, um vergeblich Liebende zum Beispiel, die voneinander getrennt sind und von Sehnsucht getrieben, die sich dem Vermissen und der Sehnsucht verschrieben haben. Wer ist so kühn und sensibel gleichzeitig, romantisch besetzte Begriffe, Motive und Worte scheinbar fraglos und unvermittelt in eine Lyrik des 21. Jahrhunderts zu transportieren? Raoul Eisele ist es und er kann das auch. Seine Gedichte beziehen sich nicht nur explizit auf Sentimental-Gefühlvolles, sondern auch auf eine romantisch inszenierte und erlebte Natur: Strand-, Wasser- und Schifffahrtsbilder spielen eine Rolle in den Gedichten, Lichtarten und Sinneseindrücke, das Himmelsgewölbe, der Mond, dessen „Sichel die Zeit zur Mahd mäht“, die Sterne, sogar Sternschnuppen. Raoul Eiseles Sprache gleitet immer wieder von einer eigenartig klaren und zeitlos wirkenden Diktion in Register, die wie aus der Zeit gefallen sind. Besonders gilt das für den Zyklus Sieben Briefe, der sich aus Prosagedichten zusammensetzt. Abwechselnd richten sie sich an eine liebste O. und an eine liebste M.: Liebste, lass mich dir schreiben vom Vermissen und den Runden im Park und die wiederkehrende Sonne, dazwischen Mond und eine Nacht.

Durchweg ist beim Lesen der Gedichte spürbar, dass hier ein Mensch und Dichter genau das macht und schreibt, was er ursprünglich will. Das allein macht die Lektüre dieses bemerkenswert authentischen, sich in keiner Weise einem Zeitgeist verschreibenden Bandes zu einer eigentümlich heilsamen und belebenden Erfahrung.
Dabei sind die textlichen Verdichtungen, das wesentliche Kunststück Raoul Eiseles, nicht epigonal, sondern getragen von einer unverkennbaren Handschrift, getrieben an manchen Stellen von einer spezifischen Musikalität, so in dem Gedicht in deiner Abwesenheit möchte ich schlafen.

Ich klopfe mit meinem Atem klüftige Küsten
wie berstend, wie brüchig unter dem Druck
meiner Fingerkuppen der Abrieb des Gesteins
wie schiefrige Splitter, scharfkantiger Staub, Metamorphit
(…)

In anderen Gedichten wiederum, etwa in Schimmelgewächs, eignet Raoul Eisele sich zunächst klassische Szenarien an, um dann und aus ihnen sein Eigenes zu machen: Ausgehend von einer verdorrten Zitronenzeste, die zu Beginn noch als traditionell anmutendes Stillleben mit Früchten beschrieben wird, entwickelt sich das Gedicht rhythmisch getrieben zu einer surrealen Landschaft der Gefühle und Beziehungen, zu einer Reflexion über das Nicht-/Gesehenwerden und die Vergänglichkeit.

Auch der fantasievolle, synästhetisch gebaute Gedichttitel alle sieben Sekunden hörte ich das Mondlicht, hörte es über schwarzes Glas spazieren ist symptomatisch für das Schreiben des Lyrikers, das Vater- und Mutterrollen, Herkunft und Kindheit ebenso thematisiert wie Erinnern, Vergessen und Demenz. Eines der bewegendsten Gedichte dreht sich um das allmähliche Verschwinden eines Menschen in seinem eigenen Vergessen: selbst das Trösten lag entkommen, lag im Nirgendwie, dir irgendwie weitaus mehr

(…) und du seufzest für alle die lauschten, die, die
angesiedelte Bedrängnis deines Verstandes, die Besiedelung
schwarzer Löcher nicht weiter ertrugen und deine Kehle
manchmal mit zu großen Stücken, mit Verfehlungen
des Fütterns, für zuschnürendes Röcheln, für einen letzten
wohlwollenden Atemzug sorgen wollten (…)

Die schwarzen Löcher des Buchtitels, von denen hier die Rede ist, sind vielfältig konnotiert: Es sind zum Beispiel die, in die man, sein Leben vergessend, fällt, schwarze Flecken, aber auch, im Sinne der Kosmologie, Objekte, die verdichtet in ihrer Masse eine so starke Gravi­ta­tion in ihrer unmittelbaren Umgebung erzeugen, dass nicht einmal das Licht sie durchlaufen oder verlassen kann. Um die dunkle Materie des Unsagbaren geht es also bei Raoul Eisele und gleichzeitig um das unbezwingbar zur Sprache Drängende – um die unbedingte und ureigene Un-/Möglichkeit unserer menschlichen Existenz.

Kannst du deinen Körper, kannst du sein Ende fühlen
das Universum, das darin, das Universum mit all seinen
Sternen, Straßen, den schwarzen Flecken, dem
Milchstraßengestein und der dunklen Materie, der
Schwerkraft, die alles zusammen, die alles drängt
von der Haar- in die Zehenspitze, die dich zusammenhält (…)

Dank an Ulrike Schrimpf (Foto Hans Braxmeier)

  • Raoul Eisele: einmal hatten wir schwarze Löcher gezählt. Berlin: Verlag Schiler & Mücke 2021. 112 Seiten, Klappenbroschur. 16 Euro.

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