Lüthi liest (im Juni): Zweimal Dragica Rajčić Holzner

Wenn aus Glück Liebe wird – Oder die unglückliche Umdichtung eines Langgedichtes

2020 ist bei Matthes & Seitz Berlin ein Buch erschienen, dessen Ankündigung mich überrascht hat: Liebe um Liebe von Dragica Rajčić Holzner. Überraschend war diese Ankündigung, weil Dragica Rajčić Holzner bereits 2019 ein Buch veröffentlicht hat. Glück heißt es, erschienen im Luzerner Verlag Der gesunde Menschenversand. An Glück hat die schweizerisch-kroatische Autorin über zehn Jahre gearbeitet (was man dem Werk auch anmerkt, dazu gleich mehr) und so war ein weiteres Werk, nur ein knappes Jahr später, nun eben – überraschend. Im Klappentext oder in der Vorschau des Verlags wird es zwar nicht erwähnt, aber Liebe um Liebe ist die Prosafassung von Glück. Die etwas mehr als 200 Seiten des ursprünglichen Langgedichts hat Rajčić Holzner umgeschrieben und in eine klassischere Romanform gegossen.

Die Figuren und die Themen bleiben gleich, während die Sprache sowohl umgeformt als auch korrigiert wurde. Beide Bücher erzählen die Geschichte von Ana und der männlichen Gewalt, der sie in ihrem Leben immer wieder ausgesetzt war. Der Vater hat sie geschlagen, Dorfpfarrer Don Lilo sexuell belästigt und auch auf die Verliebtheit und eine erste, schöne Zeit mit ihrem späteren Mann Igor folgt das Gleiche – Gewalt. In Glück wird die Geschichte Anas in einem gebrochenen, fehlerhaften Deutsch erzählt. Die Artikel fehlen, die Kasus sind falsch, die Interpunktion ist mehr ein loser Vorschlag als eine konsequente Umsetzung, die Substantivierungen sind falsch usw. usf. Die Autorin nutzt aber diese vordergründig falsche Sprache poetisch aus. Durch die Ich-Perspektive muss Erzählerin Ana immer wieder ausweichen, wenn ihr etwa die Worte fehlen oder sie etwas nur ungenau umschreiben kann, anstelle es genau zu benennen.

Diese erste Fassung ist denn auch sehr nahe an dem, was ich als ein vollkommenes Stück Literatur bezeichnen würde. Die Sprache ist zum Bersten zugepackt, jedes Wort sitzt, kein Zuviel, kein Zuwenig. Trotzdem wirkt der Text leicht, erst bei genauerer Betrachtung und dem Wissen um die zehn Jahre währende Entstehungszeit merkt man, wie vorsichtig hier gearbeitet wurde. Und dann kam Liebe um Liebe. Anstatt einer grundsätzlichen Problematisierung dieser Prosafassung möchte ich hier anhand einer Textstelle aufzeigen, warum diese zweite Version schlechter funktioniert.

Wenn Besuch aus Glück bei ihnen ist, ziehen die Eltern eine andere, lachende Gesichtshaut an und die Wörter werden laut hinausgesagt. Wenn die Kinder allein mit den Eltern zu Hause sind, geben diese kürzeste Befehle durch geschlossene Lippen. (Liebe um Liebe, S. 18)

Wenn Besuch aus Glück bei ihnen war
zogen die Eltern eine andere
lachende
Gesichtshaut an
und die Wörter wurden laut hinausgesagt.
Wenn sie allein zuhause waren
dann redeten sie kürzeste Befehlsätze
durch geschlossene Lippen. (Glück, S. 12–13)

Denn es gibt viele Dinge, die an diesen zwei Textstellen anzumerken sind und die exemplarisch für die Übertragung stehen. Nebst der Streichung der Zeilenumbrüche ist sicherlich der Tempuswechsel am auffälligsten. In Prosaform wurde das Geschehen aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt. Der Wechsel der Zeitform scheint mir aber das kleinste Übel zu sein. Dadurch, dass der Text in beiden Versionen fast identisch ist, bleibt auch der Rhythmus des Ursprungstextes ähnlich. Nur funktioniert dieser Rhythmus in der Gedichtform besser, bei der Prosa wirkt er überladen, gar deplatziert. Die Sprache wird schwerfälliger, weil sie poetisch überfrachtet ist. Ein Gedicht darf und muss das, für Erzähltexte entsteht dadurch oft das Problem der Unleserlichkeit.

Dann gibt es klassische Lektoratsprozesse, die zu beobachten sind. Im zweiten Satz in der Glück-Version kommt zweimal „sie“ vor, der Bezug verändert sich aber. Das erste „sie“ muss logischerweise die ganze Familie meinen, das zweite die Eltern. In der Liebe-Version wurde entsprechend und grammatikalisch korrekter umgedichtet: Das erste wurde zu „die Kinder … mit den Eltern“, das zweite zu „diese“. Das führt einerseits dazu, dass der Text aufgebläht wird, andererseits wird dadurch (unbewusst?) die Erzählperspektive verschoben. Ana berichtet zwar in beiden Büchern aus der Gegenwart über ihre Vergangenheit, in der Glück-Version wird aber in dieser Szene klar aus einem kindlichen Blickwinkel erzählt. So gesehen ist der Bezug mit den beiden „sie“ auch kein Fehler, aus kindlicher Perspektive ist es sinnvoll, dass die Kinder auch zu Hause sind, wenn die Eltern es sind. In der Liebe-Version fehlt diese Perspektive, es ist nicht mehr klar, aus wessen Sicht hier erzählt wird. Die eigentliche Ich-Erzählerin (die auch in der Liebe-Version vorhanden ist) verschwindet hinter dieser komischen Haltung, die hier unbedingt den grammatisch richtigen Bezug herstellen muss. Welches Kind würde denn sagen, dass es selbst auch Teil der Kinder ist? Wenn schon, dann hätte hier aus dem „die Kinder“ ein „wir“ werden müssen, damit die Erzählung in der Ich-Form weiterhin Sinn ergibt.

Es geht mir hier aber nicht um die Frage, ob das nun anders hätte lektoriert werden müssen, sondern ich will damit aufzeigen, womit ich in der Liebe-Version wahnsinnig Mühe habe. Einerseits wird der verdichtete, sehr poetische Text aufgebläht, bleibt stellenweise aber genauso dicht und poetisch wie das Original und verkommt dadurch zu einem Mischmasch, das manchmal überfrachtet ist, manchmal dröge. Eine schwierige Mischung. Andererseits wird durch das Glätten der vermeintlich „falschen“, „fehlerhaften“ Sprache die Erzählhaltung verwässert (muss man der Leser*in wirklich sagen, dass da zuerst Kinder und Eltern, dann nur die Eltern gemeint sind oder ist das nicht relativ klar?), womit auch die Wirkung der Sprache verschleiert wird. Ist es wirklich wichtig, oben korrekterweise den Befehl zu „geben“ anstatt ihn zu reden? Denn es werden nicht Befehle geredet, sondern „Befehlsätze“, die man wiederum nicht geben kann, sondern reden muss.

Es gibt noch viele weitere Punkte, die an dieser „Verbesserung“ störend sind, die Kapitel wurden etwa um Jahreszahlen und Ortsangaben ergänzt, einerseits unnötig, andererseits verliert das Werk dadurch weiter an Verweiskraft. Liebe um Liebe liest sich oft, als hätte man für eine Leser*in schreiben wollen, die sehr ungenau liest und möglichst viele Hilfestellungen und klare Anweisungen braucht. Damit möchte ich nicht sagen, dass Liebe um Liebe ein totaler Reinfall ist (eigentlich schon, aber die schweizerische Höflichkeit hält mich da zurück), ich verstehe schlichtweg nicht, warum es diese Version benötigt, ist doch die erste so viel funkelnder, eigenständiger, besonders und auch so viel besser. Glück ist ein sagenhaft gutes Buch und über die zweite Fassung reden wir jetzt einfach nicht mehr.

Dank an Nick Lüthi von BookGazette

  • Dragica Rajčić Holzner: Liebe um Liebe. Berlin: Matthes & Seitz Verlag 2020. 167 Seiten, Hardcover. 20 Euro.
  • Dragica Rajčić Holzner: Glück. Luzern: Der gesunde Menschenversand 2019. 220 Seiten, Klappenbroschur. 25 Franken.

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