Romain Gary: Du hast das Leben vor dir (Rotpunktverlag)

Eines Tages, wenn ich jung bin, fahre ich auch nach Nizza. – Wie? Wenn du jung bist? Bist du etwa alt? Wie alt bist du, mein Kleiner? Du bist doch der Mohammed, nicht? – Ach, das weiß niemand so genau und wie alt ich bin auch nicht. Ich hab kein Datum bekommen. Madame Rosa sagt, ich bekomme auch nie ein Alter, weil ich anders bin und das auch das Einzige ist, was ich mein Lebtag machen werde, anders sein. Sagt Ihnen Madame Rosa noch was? Sie wird bald sterben.

Dieser kleine Dialog zwischen Mohammed, genannt Momo, ungefähr zehn Jahre alt, und dem alten Monsieur Hamil umreißt die Situation Momos in Romain Garys Roman Du hast das Leben vor dir, den er 1975 in Frankreich unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlichte. Jetzt ist er zu unserem Leseglück in bereits vierter Auflage in der Edition Blau des Züricher Rotpunktverlags erschienen.

Momo ist Araber, lebt bei Madame Rosa, einer um 1900 in Polen geborenen Jüdin, die es nach dem Ende des Holocaust nach Paris verschlagen hat. Als sie noch jung war, ging sie selbst „ranschaffen“, nun geht sie auf die siebzig zu und lebt davon, „Hurenkinder“ bei sich aufzunehmen und großzuziehen. Bis zu acht Kinder beheimatet sie gleichzeitig, Momo ist ihr besonderer Liebling, er kümmert sich auch schon sehr früh um die Jüngeren.
Dass er jemals in die Schule geht, erzählt er nicht. Alles, was er weiß, hat er von Monsier Hamil gelernt. Momo ist beschäftigt mit der Bewältigung des Alltags und mit seiner Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Zuneigung.
Sein größtes Problem: mit Madame Rosa geht es steil bergab. Sie ist sehr dick, schafft irgendwann die Stufen hoch in den 6. Stock nicht mehr und ihr Gedächtnis lässt nach.

Momo wird mit seinen zehn Jahren zum Organisator und auch Pfleger Madame Rosas, die in der Vergangenheit versinkt, mit wachen Momenten, in denen sie ihm wieder lebendig erscheint. Er klaut sogar Farben, um sie anzumalen, weil er weiß, „die Weiblichkeit, das ist wirklich stärker als alles andre“. Er macht sie schön oder eher ein bisschen weniger hässlich, denn er liebt sie von ganzem Herzen. „Madame Rosa und ich, wir können doch nicht ohne einander. Wir haben doch nichts anderes auf der Welt“, sagt er. Seine Liebe geht so weit, dass er ihren Arzt bittet, sie „wegzumachen“, d. h. Sterbehilfe zu leisten, damit sie nicht länger an ihren vielen Krankheiten leiden muss.
Madame Rosas Furcht, ihre letzte Zeit im Krankenhaus zu verbringen, ist übermächtig. Für sie ist es Folter, einen Menschen am Leben zu erhalten, der dann wie „Grünzeug“ vor sich hin vegetiert, weil es der „Medizin Spaß macht“.

Der Roman löste bei seinem Erscheinen einen Skandal aus. Er ist ganz unmittelbar aus der Sicht des zehnjährigen „Hurenkindes“ geschrieben, das durch die Stadt streunt, reflektiert, was ihm begegnet, das sich manchmal als kleines Kind, manchmal als Mann fühlt. Das noch nicht weiß, ob es Terrorist oder Polizist werden soll, auf jeden Fall Teil einer „größeren Bande“. Alleine kommt man nicht durch, das hat Momo früh begriffen.

Wenn Sie mich fragen, dass die Jungs mit den Waffen so sind, wie sie sind, liegt daran, dass man die als Kinder nicht zur Kenntnis genommen hat, die hat niemand gesehen. Es gibt zu viele, um sie alle auf dem Schirm zu haben, manche müssen ja sogar vor Hunger krepieren, damit man sie mitkriegt, oder sie gründen Banden, damit man sie sieht.

Der Roman ist komisch, tragisch, naiv und lebensklug. Momo nimmt kein Blatt vor den Mund, kennt keine Konventionen, erfährt Zuwendung von Menschen, die andere als Abschaum betrachten, von staatlichen Institutionen erwartet er nichts Gutes. Seine Geschichte erzählt von Solidarität, Freundschaft und Achtung, von Humanität, Liebe und Sehnsucht. Und von deren Abwesenheit. Ein großer Roman, stilistisch einzigartig.

Dank an Petra Lohrmann (und fürs Foto an Peggy_Marco)

  • Romain Gary (Émile Ajar): Du hast das Leben vor dir. Aus dem Französischen von Christoph Roeber. Zürich: Rotpunkt Verlag 2021 (Originalausgabe 1975). 248 Seiten, gebunden. 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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