Lüthi liest (im Juli): Die drei grossen österreichischen Exilromane in der Edition Atelier

 Alle Liebe nachträglich

Die Sängerin Mine und der Rapper Fatoni haben 2017 ein gemeinsames Album gemacht. Alle Liebe nachträglich heisst es und, wollte man es in ein Genre-Korsett pressen, wäre es so etwas wie zeitgeistige Erinnerungsliteratur in musikalischer Form. Während die beiden da über Paarbeziehungen und daraus erwachsende Verstrickungen sinnieren, zieht sich ein bereits im Titel anklingendes Thema durchs gesamte Album: die sich erst nachträglich offenbarende Einordnung und Anerkennung von bereits Geschehenem. In Fatonis und Mines Fall ist das die Liebe, aber auch in der Literatur ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten. Nämlich immer dann, wenn es um die Einteilung von Werken in den ominös-ungreifbaren Kanon geht.

Und damit sind wir auch bei den Büchern, die ich heute etwas genauer beleuchten möchte. Drei Bücher, die seit gut siebzig Jahren mehr oder weniger vergessen sind und nun die ihnen zustehende Liebe, oder in diesem Fall Einreihung, nachträglich einfordern. Die dunklen Jahre von Friederike Manner und Perlen und schwarze Tränen von Hans Flesch-Brunningen sind ursprünglich 1948 und Das Krähennest von Martina Wied ist 1951 erschienen, alle drei haben in den letzten drei Jahren eine Wiederauflage in der Wiener Edition Atelier erfahren. Dadurch sind die „drei großen, auch formal herausragenden Romane der österreichischen Exilliteratur“, wie ihre Herausgeberin Evelyne Polt-Heinzl vermerkt, wieder verfüg- und vor allem rezipierbar.

Solche Aussagen, die Grösse und Wirkung von Literatur herausstellen, sind oft, gerade wenn wie hier durch die eigene Herausgeberschaft verfärbt, mit Vorsicht zu geniessen, in diesem Falle aber doch mehr als treffend. Ohne jetzt die Frage, was Literatur denn nun zu etwas Grossem macht abschliessend beantworten zu wollen, sind die drei Werke sowohl literarisch als auch aufarbeitungstechnisch herausragend. Sie haben zwar alle eine ähnliche Rezeptions- und Veröffentlichungsgeschichte – mit Ausnahme von Perlen und schwarze Tränen, das 1980 wiederaufgelegt wurde, sind alle drei Romane nun seit der Erstveröffentlichung erstmals wieder verfügbar – und die autobiografischen Bezüge ihrer Verfasserinnen und ihres Verfassers sind klar erkennbar, in Form, Ton und Ausgestaltung gehen sie aber weit auseinander. Das ist umso erstaunlicher, klingt in ihnen doch die gleiche grundlegende, existenzialistische Frage an: wie weiter?

Romcom

Madeleine de la Tour nimmt während des Zweiten Weltkriegs notgedrungen eine Stelle in einem englischen Internat an, das besetzte Paris hat sie verlassen müssen. Sie unterrichtet Französisch im „Krähennest“, wo sich ein eigener, dichter Kosmos bildet, die Leben der Lehrer*innen sind eng mit denjenigen der Schüler*innen verzahnt und so manches zwischenmenschliche Drama spielt sich ab. Der Krieg ist verhältnismässig weit weg, er macht sich zwar durch die am Himmel donnernden Flugzeuge bemerkbar, wird sonst von Madeleine aber nur durch Briefe erlebt: Ihr ehemaliger Geliebter in Paris kollaboriert mit den Nazis, wie sie durch Kunde aus der Schweiz erfahren muss.

Martina Wied erzählt Das Krähennest auf zwei Ebenen, einerseits in der Perspektive aus dem mehr oder weniger abgeschotteten Internat, das nach eigenen Regeln funktioniert und dementsprechend auch von ganz eigenen Sorgen und Ängsten umgetrieben wird, andererseits umrahmen die an Madeleine adressierten Briefe das Geschehen in der Welt, die mit zunehmender Zeit immer mehr im Chaos versinkt. Wobei auch hier die zwischenmenschlichen Töne vorherrschen. Die Autorin kreiert dadurch eine spannende Diskrepanz, die eingangs gestellte Frage nach dem wie weiter ist vorerst einfach: ganz normal. Wird aber im Verlauf komplexer und verwandelt sich in ein Irgendwie. Der Krieg bleibt zwar weit weg, aber auch hier legt er bedrohliche Schatten über das Zusammenleben und ist insofern präsent, als er als Konfliktlösung für Zwischenmenschliches herangezogen wird.

Niemand hatte sich vorgestellt, daß die Übersiedlung so große – so unabsehliche Folgen mit sich führen würde. (erster Satz aus Das Krähennest)

Im Vergleich zu den beiden anderen Romanen ist derjenige von Wied sicherlich am biedersten und damit am wenigsten experimentierfreudig. Wie von ihr bekannt, arbeitet sie mit sinnigen und sorgfältigen Dialogen und tariert sehr detailliert kleinste zwischenmenschliche Irrungen aus. Was aber hier besonders gut gelingt, ist das Spiel mit der Distanz. Das Internat ist gut gesichert und läuft relativ problemlos – zumindest was den Betrieb angeht – vor sich hin, aber trotzdem gelingt es dem Krieg, seine Arme auch hierhin auszubreiten. Wieds Exilerfahrungen verweisen damit auf einen oftmals unterschätzten Aspekt des Exils: Das Leben ist zwar relativ sicher und weit vom Krieg entfernt, die darauf fussende Wurzellosigkeit und der Verlust des Heimatgefühls sind aber umso präsenter. Selbst das vermeintlich sichere Nest, das manchmal wie eine Romcom anmutet, ist keine neue Heimat, sondern nur das temporäre Auffangbecken für die Gestrandeten.

Traummann

Formal aussergewöhnlich erzählt Hans Flesch-Brunningen in seinem Traumtagebuch Perlen und schwarze Tränen von John Truck, der im Londoner Exil für die BBC arbeitet. Im dort herrschenden Nebel wartet er auf Jane. Jane Smith. Sie kommt zu spät, wie immer. Truck muss weiterhin warten. Genauso wartet er auf eine Erwiderung seiner Liebe zu ihr, auch da – er muss warten. Der Roman spielt mehr oder weniger während einer einzigen Nacht, durch die sich der immer dichter werdende Nebel zieht. John Truck löst sich darin völlig auf. Er wartet immer noch auf Jane, er hört eigentlich nie auf zu warten, zieht durch die Stadt, trifft die Gespenster der Literaten Joyce, Shelley und Byron, fährt in magischen Aufzügen von Eiscremefabriken in Finanzinstitute und horcht und lauscht und träumt und denkt. Wie jeder gute Reporter hat er alle Sinne gespreizt und begegnet den Schrecken des Krieges im nächtlichen Dunkel.

Flesch-Brunningens Nebelfantasie sticht auch innerhalb dieser drei Romane heraus, denn durch die Traumhaftigkeit seiner Erzählung folgt der Band auch einer ganz eigenen Logik. Der Nebel wird bereits im ersten Satz zum Protagonisten erhoben und legt sich nicht nur über die Welt, sondern über die ganze Menschheit. Ihm werden sogar Vater und Mutter zugestanden.
Ich-Erzähler Truck bricht immer wieder aus seinem Erzählen und dem damit verbundenen Wissen aus, ganz auktorial schildert er dann, was die anderen Figuren denken oder was gleich passieren wird. Die Traumhaftigkeit der Sprache wie auch des Geschehens erlaubt es, Dinge anzusprechen, wie es im normalen Exil-Kontext nicht möglich gewesen wäre. Die Schrecken des Krieges, die auch geschildert werden, werden bereits im Erzählen reflektiert und rekontextualisiert. Traum und Nebel werden dadurch wieder ihrer Funktionen beraubt, das ihnen eigentlich zugrundeliegende Verschleiernde wird hier in Klarheit umgemünzt.
Auch in seiner Entstehung ist Perlen und schwarze Tränen eigenwillig. Der Autor hat es zuerst auf Englisch als Spirits of Night verfasst und anschliessend selbst ins Deutsche übersetzt, auf Englisch ist es nie erschienen.

Der Nebel lag als dicke Schicht über der Menschheit. (erster Satz aus Perlen und schwarze Tränen)

Die Frage wie weiter spiegelt sich in diesem Roman in einer Paarbeziehung: derjenigen zwischen John und Jane. Jane White, die schon dem Namen nach fast am Verschwinden ist, bleibt für John unnahbar, Frieden findet er erst, als Jane nicht mehr existiert. Ohne das jetzt überstrapazieren oder -interpretieren zu wollen, aber der metaphorische Bogen dieser Beziehung scheint doch relativ klar. Dementsprechend ist auch hier die Antwort relativ klar: sicher nicht mehr so.

Erdbeeren ohne Grenzen

Wie soll ich beginnen – wem könnte ich diese trübselige und schuldvolle Geschichte erzählen, die nicht einmal ich selber mehr hören mag; wer hätte denn Kraft und Verstand und Herz genug, sie anzuhören, das tief Verwirrte zu lösen? (erster Satz aus Die dunklen Jahre)

Friedericke Manners Romanbericht Die dunklen Jahre beginnt 1934 mit der zerrütteten Ehe von Klara und Ernst. Die Eheprobleme werden unerheblich, als Österreich 1938 von Deutschland annektiert wird. Ernst ist zwar Arzt und sozial gut gestellt, als Jude ist er aber, ebenso wie die „Mischlingskinder”, in grosser Gefahr. Also verstauen die beiden die Kinder in der Schweiz und bleiben vorerst noch in Österreich. Bald wird aber auch dies unmöglich und sie müssen fliehen. Zuerst in die Schweiz, dann wieder nach Österreich und schlussendlich über den Balkan, wo sie in Belgrad ein vorläufiges Heim finden werden. Die Familie ist in dieser Zeit oft getrennt, mal reisen die Kinder allein, dann wieder der Vater, alle zusammen oder nur die Mutter mit den Kindern.

Manner ist es, die die eingangs gestellte Frage nach dem wie weiter am eindringlichsten beantwortet: gar nicht. Die Autorin hat sich 1956 das Leben genommen, weil sie an der „geistigen Verlogenheit” der Nachkriegszeit zugrunde gegangen sei, wie Oskar Wiesflecker im Nachwort zitiert wird. Diese biografische Bemerkung soll nicht als etwaiger Schockeffekt dieses Artikels dienen, erscheint nach der Lektüre des Roman aber nur konsequent, denn Manners Antwort deckt sich mit der im Roman bereits angedachten. Die dunklen Jahre ist von den drei Werken das am stärksten autobiografisch geprägte und seine Stationen decken sich annähernd eins zu eins mit denjenigen von Friederike Manner, was Evelyne Polt-Heinzel im Nachwort schön nachzeichnet.

Dadurch ist der Roman auch formal am direktesten, weil nichts versteckt wird. Ich-Erzählerin Klara erzählt mit eindringlicher Weitsicht von ihrem Innenleben und der Flucht. Sie bildet dadurch auch den Mittelpunkt des Romans, sehr reflektiert erscheint so die komplexeste, vielschichtigste Romanfigur, die mir bisher je untergekommen ist. So ist auch hier nicht der Krieg selbst der unmittelbare Schrecken, bei Manner geht es bereits stark um die Aufarbeitung, das Nachher. Wie kann ein Weiterleben möglich sein? Genauso wie bei Flesch-Brunningen ist die Reflexion ein bereits im Romankontext mitbedachtes Element, die hier durch eine Erzählerin geschieht, die nicht durch den Nebel, sondern durch die brutale Klarheit des eigenen Geistes wandern muss. Manners Ton ist dadurch auch mehr anklagend denn berichtend, mehr zersetzend denn aufbauend.
Ich habe bereits 2019, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen und besprochen habe, gesagt, dass ich ihn für ein Meisterwerk halte. Weil er analytisch unglaublich scharf ist, mit seiner komplexen Hauptfigur aber auch sehr sanft verfährt und weil er in seiner Gesamtheit mehr oder weniger perfekt ist. Nie habe ich bisher eine solche Wut beim Lesen erlebt wie bei Die dunklen Jahre, weil das Wissen um das fast vollständige Vergessen dieses Romans so ungerechtfertigt erscheint. Dieser Roman ist einer, der nie, nie, nie vergessen werden sollte. Dass der Roman nun zwei Jahre nach seiner Wiederveröffentlichung bereits in der dritten Auflage vorliegt, macht mir aber Mut.

Die Banalität der nachträglichen Liebe

Fatoni und Mines Album und dessen zentrales Thema mögen auf den ersten Blick, gerade nach der Lektüre dieser drei Romane, banal, ja völlig unerheblich erscheinen. Doch, und das ist vielleicht das faszinierendste an diesen drei Bänden, trotz aller Schrecken, allem Leid und allem Grauen bleibt die Liebe ein zentraler Anker der Geschichten. Bei Manner ist es die Liebe zu den Kindern, aber auch die in Pflichtgefühl umgewandelte zu ihrem Mann, bei Wied diejenige zu einem Ort und dem Gefühl, das aus diesem Ort erwächst, bei Flesch-Brunningen wiederum das unerwiderte Verlangen, das als zentrales Motivationselement die Protagonist*innen vorantreibt. Die massgebliche Liebe kommt nicht nur nachträglich, ohne sie gibt es auch keine Geschichten.

Mit dem in diesem Frühjahr erschienenen Krähennest kommt das Editionsprojekt der Edition Atelier mit Evelyne Polt-Heinzel zu einem vorläufigen Ende. Drei bedeutende – und so plump wollen wir jetzt hier auch einmal sein: grossartige – Romane sind nun wieder verfügbar und warten in einer schmucken, herausragend gemachten Ausgabe auf ihre Leser*innen. Fatoni und Mine wissen es schon längst und Sie, werte Lesende, erfahren es spätestens hier, egal wie die ursprünglichen Massstäbe sind, es ist Zeit für neue:

Wir waren nie ganz maßstäblich
Doch das war niemals maßgeblich

(Zitat aus dem Song Alle Liebe nachträglich von Fatoni & Mine)

Dank an Nick Lüthi von BookGazette

  • Martina Wied: Das Krähennest. Wien: Edition Atelier 2021. 480 Seiten, Hardcover. 28 Euro.
  • Hans Flesch-Brunningen: Perlen und schwarze Tränen. Wien: Edition Atelier 2020. 328 Seiten, Hardcover. 25 Euro.
  • Friederike Manner: Die dunklen Jahre. Wien: Edition Atelier 2021. 424 Seiten, Paperback. 20 Euro.

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