Max Lobe: Drei Weise aus dem Bantuland (austernbank verlag)

In Mwána Matatizos Alltag dreht sich fast alles um das liebe Geld, in seinen Worten „Gombo“, seinen dauerknurrenden Magen und um Menschen des Herzens. Und das sind die Mutter und die Schwester, sein arbeitsscheuer, aber heißer Freund Ruedi, ein „kleiner, schöner Fuchs“, der ihn „Schätzli“ nennt. Kaum zu glauben, aber auch im Schlaraffenland Schweiz aka Helvetien kann man hungern, speziell in Genf, wo der gegenwärtig sympathischste Maulheld der Literatur lebt, liebt und nicht arbeitet.

Zuhause angekommen, rufe ich meine Mutter an. Ich weiß auch nicht so genau, was ich ihr sagen soll. Ich werde sie ganz bestimmt nicht bitten, mir ein wenig Gombo von dort zu schicken. Das wäre eine Schande. Ich werde ihr auch nicht gestehen, dass mein Freund und ich die nächsten Tage dank der Vorräte überleben werden, die sie mir von Zuhause geschickt hat. Das wäre der große Bruder der Schande! Ich werde ihr auch nicht sagen, dass ich soeben unser gesamtes Vermögen verprasst habe, nur um ihre Stimme zu hören.

Vor einigen Jahren hat Mwána Bantuland, seine so nonchalant bezeichnete schwarzafrikanische Heimat, verlassen und ist zum Studieren in die Schweiz eingewandert und geblieben. An diesem Punkt ist eine autobiografische Einfärbung erkennbar. Max Lobe, der 1986 in Kamerun geborene Autor dieses charmant-aufgeweckten, zwischen zwei Kulturen tänzelnden Romans Drei Weise aus dem Bantuland, kam 2004 in die Schweiz und lebt in Genf. Erschienen ist das Buch in dem auf französischsprachige Literatur spezialisierten austernbank verlag (siehe Porträt), der dafür mit dem Preis „Bayerns beste Independent Bücher 2020“ ausgezeichnet wurde. Es ist auch die erste auf Deutsch vorliegende Übersetzung eines Werkes des Autors, der bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Es grundieren also die Themen Migration, Herkunft, sexuelle Identität Mwánas Geschichte, und zwar auf eine bewundernswert humorvolle Weise. Dem Leben ist immer noch, scheinbar in jedem Moment, ein befreiendes Lachen abzuringen, tatsächlich wird viel gelacht an zu vielen Stellen. Oder manches doppelt und dreifach gesagt. Daneben steht ebenbürtig das Weinen, denn vieles ist auch einfach zum Heulen. Nicht nur dass Mwánas Leben „seit dem Ende des Studiums ein einziger Misserfolg“ ist und die Arbeitssuche katastrophal verläuft, wird bei Mutter Monga Míngá auch noch Krebs im Endstadium diagnostiziert, woraufhin sie ihr „Bantu-Küken“ und dessen Schwester zur barmherzigen Behandlung in eine Schweizer Klinik holen. Die Familie ist wieder vereint, ringt aber fortan mit dem nahenden Tod, was berührend erzählt ist.

Jetzt heißt es, rasch die bantuischen weisen Gottheiten anzurufen, die da sind Gottvater Nzambé, Élôlombi, der „Gott der Geister, die zwischen Himmel und Erde über unseren Seelen schweben“, und die Bankóko, die „Ahnen, die über unseren Leben wachen und auf unsere innigsten Wünsche antworten“. Mwána hat es nicht so mit dem „Glaubenshokuspokus“ wie seine fromme Schwester, die darum betet, was das Zeug hält. Die Krankheit hat der Mutter, Meisterin im Ratschlägegeben, ausgerechnet die Stimme geraubt. Einer lautet etwa: „… ein Huhn, das scharrt, schläft niemals hungrig“, um ihren Sohn zur Jobsuche zu animieren. Oder: „Es ist nicht derjenige, der Hunger hat, der isst, sondern der, der Nahrung hat.“ Lauter Wahrheiten.

Bis in den Wortschatz (z. B. weiblich „müda“ und männlich „müdo“ statt „müde“ oder m/w „Dokta“), helvetische Ausdrücke und Redeweisen (immer wieder das Bild vom Mund, aus dem die Sprache und die Weisheiten kommen) hinein durchdringen einander Traditionen, Kulinarik und Glaubensvorstellungen, unangestrengt und wendig übersetzt von Katharina Triebner-Cabald. Wir lesen ein bisschen von Afrika, ein bisschen von der Schweiz, mit all ihren Widersprüchen und politischen und sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit. Lobes Blick ist in beide Richtungen ein durchaus warmherzig-kritischer, kein anfällig larmoyanter angesichts dessen, dass er selbst ein „schwarzes Schaf“ ist, das rechte Politik der Schweiz propagandistisch zu verteufeln weiß. Das dreimonatige Praktikum bei einer Love-and-peace-NGO, das Mwána schließlich das Glück hat anzutreten, bekämpft ausgerechnet, welch Ironie, Rassismus und Diskriminierung, symbolisiert in jenem bösen Wahlplakat mit den weißen Schafen und dem schwarzen drauf.  Ob der junge Mann mit der „vollkommen schwarzen“ Haut, „die der Sonne Angst einjagt“, deswegen solche Probleme bei der Jobsuche hat?

Lobes Roman kann gleichermaßen als eine Art intimes wie politisches Journal gelesen werden, das immer wieder direkt seine Leser*innen anspricht. Dass aber im Moment von Krankheit das Leid der Betroffenen über allem steht, erzählt vom Menschlichen quer über die Kontinente – und das mit der Leichtigkeit eines Singsangs.

Senta Wagner (Foto pixabay)

  • Max Lobe: Drei Weise aus dem Bantuland. Aus dem Französischen Katharina Triebner-Cabald. München: austernbank verlag 2020. 200 Seiten, gebunden. 19 Euro.

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