Louise Juhl Dalsgaard: Genug (Picus Verlag)

Ist es ein Mangel an Selbstliebe oder Selbstwertgefühl? Sind es Traumasplitter, die sich irgendwo festgesetzt haben? Sind es Selbstzweifel, falsche Vorbilder? Was ist es, das jemanden dazu bringt, sich auf ein lebensbedrohliches Gewicht runterzuhungern, „ein Gespenst im eigenen Körper zu sein“ und ein Leben zu führen, das von einer Essstörung diktiert wird? Ein brennendes, hochaktuelles Thema. Der Kreislauf ist ein Teufelskreis – abnehmen, zunehmen, abnehmen. Er führt von Einweisungen und Behandlungen über Entlassungen zur Dauerbehandlung der Magersüchtigen, für die jedes zugelegte oder verlorene Gramm zählt. In dem zugespitzt poetischen Debütroman Genug der dänischen Autorin Louise Juhl Dalsgaard, erschienen im Wiener Picus Verlag, ist es eine schlichte, einmalige Notiz der Erzählerin mit der Aufforderung an sich selbst, ab sofort abzunehmen. Dabei auch Sport zu treiben und gesund zu leben, so klingt gefährliche Selbstoptimierung auch schon Anfang der Neunziger, als das persönliche Drama der Erzählerin beginnt.

Der Kipppunkt ins Pathologische ist nach ein paar Monaten schnell erreicht, die Kilos purzeln, die Lauf- und Schwimmkilometer werden zwanghaft runtergerissen, der Gewichtsverlust ist radikal: die erschreckende Reduktion einer blutjungen Erwachsenen, eine „zartere Persönlichkeit“, frisch von der Schule, gerade am Beginn eines Studiums, auf die Hälfte ihres Gewichts, von 72 kg auf 32 kg. Ab dem Moment geht es um den magersüchtigen Körper einer Frau und deren Wahrnehmung, um Selbstbestimmung, um Einsamkeit, um Kampf („Kämpf, Louise, am Ende bleibt das Leben“) und die Möglichkeiten der Genesung, zumindest nicht aufzugeben. Aber auch immer um die fundamentale Diskrepanz zwischen Geist und Körper, zwischen Bescheid wissen und essen wollen und nicht können oder wollen.

Ich hungere weiter, es wird kälter, es ist eines dieser Jahre, wo der Schnee lange liegen bleibt. Schließlich mag ich nicht mehr, so geht es mir, ich mag nicht mehr. Es ist nicht Kummer oder Wut oder Schmerz, es ist Müdigkeit. Ich mag einfach nicht noch mehr Tage mit zwanzig Kilometer laufen, sechzig Bahnen schwimmen, zwanzig Liegestütze pro Stunde und einer Nahrung verbringen, die aus Fischklößchen aus der Dose und Trinkbouillon besteht.

Nun ist nicht nur dieser kranke Körper leicht, auch der Roman ist es auf eine seltsam reizvolle Weise. Wovon er erzählt ist niederschmetternd und traurig, ja, und doch nicht. Dahlsgaards bildhafte, glatte schöne Sprache in der Übersetzung durch Gerd Weinreich (Übersetzer auch des Romans Neue Reisende von Tine Høeg) zeichnet sich durch eine wundersame Leichtigkeit und gewitzte Pointiertheit aus. Die Erzählerin ist eine, die spürt, fühlt, tastet, erkundet, auch schon in jungen Jahren mit einer hohen Vorstellungs- und Wahrnehmungskraft ausgestattet, nachdenklich, sensibel und wissbegierig ist. Meist erfährt sie aber aus ihrem Umfeld Zurückweisung und Unverständnis, ein Jammer. Da wendet sie sich lieber dem Wesen sonderbarer Tiere wie Eulen zu.

In bisweilen höchst verknappten, luftig gesetzten Episoden, verteilt über acht Abschnitte, werden Schlaglichter geworfen in die Kindheit und Jugend im Spiegel der eigenen Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Bruder, und auf die späteren Beziehungen mit Männern. Das Seitenlayout mit viel Weißraum ist in der Gegenwartsliteratur schick geworden, auch die episodische Struktur, die in Genug jedenfalls sinnfällig ist. Die Introspektion der Erzählerin kostet Kraft, diese muss immer wieder neu geschöpft werden. Was die Erinnerung nach oben spült, sind oftmals überraschende, ungeordnete Momentaufnahmen, die voll Empathie und auch Humor von den Facetten eines Menschen erzählen. Eine erste frühe Abspaltung vom eigenen Ich zeigt sich in der Szene, als sie ihre Knie „tauft“ in „das da“ und „das da“, wie auch der dänische Originaltitel lautet: Det dér og dét der. Damit verknüpft ist die Kränkung durch den Vater, der mit dem Finger auf ihre wachsenden Brüste („Beulen“) zeigt. Ihre Knie würden nicht wachsen, dennoch hervorstechen am mageren Körper.

Viele Jahre lang sind meine Knie das Einzige, was mich mit mir verbindet. Das da und das da.

Neben das fragmentierte, subjektive Erzählen wird gleichwertig eine objektive Außenperspektive gestellt anhand eingestreuter Arztbriefe und minutiöser Gesprächsprotokolle verschiedener Sozialberaterinnen, die über mehrere Jahre den Verlauf der Anorexie in ihrem jeweils kühlen, distanzierten, fachsprachlichen Jargon festhalten. Die Erzählerin ist also fortan eine Patientin, eine Pat. Sie bleibt für sie namenlos. Es zeigt sich dennoch, sie wird gesehen in all ihrer Ambivalenz, es wird alles für sie getan, im festgelegten Rahmen, die Erzählerin muss nur wollen: essen, mehr essen. Der unglaublich eindrückliche, offenherzige und Mut machende Roman ist rückblickend erzählt, das ist gut, es besteht leise Hoffnung, nicht auf Unversehrtheit, aber auf einen Weg aus dem Teufelskreis heraus.

Ich glaube, dass es unendlich viele Ursachen dafür gibt, dass Pat. nicht hinreichend isst, aber eigentlich ist die Frage nach diesen Ursachen ziemlich unerheblich, denn alle intellektuellen und philosophischen Überlegungen in all den Jahren haben Pat. ja nicht weitergebracht. Daher meine ich, dass sie essen MUSS, und schlage ihr vor, dass sie umgehend damit beginnt. XXX, Sozialberaterin/llo

Senta Wagner (Foto Pavel Karásek)

  • Louise Juhl Dalsgaard: Genug. Aus dem Dänischen von Gerd Weinreich. Wien: Picus Verlag 2021. 192 Seiten, gebunden. 20 Euro. E-Book 15,99 Euro

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